Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 51 (1907)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Zur Geschichte und Charakteristik der paulinischen Briefe
- Date
- 1907-01-01
- Page
- Seite 417 (sequence 23)
- Language
- German
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Zur Geschichte und Charakteristik der paulinischen Briefe. 417 stillschweigenden Voraussetzung, daß die Erfüllung aller Gebote durch Alle eine Unmöglichkeit sei.« Beide hervorragende Gelehrte urteilen nicht aus ihrer eigenen.Kenntnis auf Grund einer genauen Untersuchung des Gesetzes, seines Wesens, wie seiner Einzelheiten, sondern aus der von ihnen blindlings, ohne weitere Prüfung übernommenen paulinischen Au f fas s u ng des »Gesetzes« heraus. Die Vorstellung der paulinischen Briefe von ihm ist die Quelle des heillosen Mißverständnisses, das so viele Christliehe Gelehrte bis zum heutigen Tage über das »Gesetz« und das Wesen des Judentums überhaupt hegen. Und diese Vorstellung ist nichts als die Meinung eines ihm vollkommen fernstehenden Kreises, dem jede Kenntnis seiner lebendigen Wirksamkeit abgeht und der von ihm nur eine papierene Kunde hat. Wohl ist es richtig, daß, wie Lipsius sagt; »die Erfüllung aller Gebote durch Alle eine Unmöglichkeit ist,« aber nur deshalb, weil nicht jeder Jude zugleich auch Priester und Prophet, König und Richter, Herr und Knecht, Mann und Weib sein konnte. Das Gesetz enthält eben Vorschriften für die verschiedenartigsten Verhältnisse des Lebens, für die Gesamtheit und für den Einzelnen. Niemand konnte in die Lage kommen, alle zu erfüllen. Die Vor- Schriften für die Einzelnen aber umfaßten stets nur eine verhältnismäßig geringe Anzahl von Geboten, in deren Übung sie durch Erziehung und Gewohnheit hineinwuchsen und deren Erfüllung nur ausnahmsweise Schwierigkeiten bot. Diese aber hatte ihren großen Wert darin, daß sie die religiöse Gesinnung durch ihre stete Betätigung wach und lebendig erhielt. Es ist auch falsch, daß, wie Wellhausen sich ausdrückt, die jüdische Religion unter der Hand der Schriftgelehrten zu einer Religion für die Virtuosen des Gesetzes geworden sei. Diese sagten vielmehr •(1לא בתנה תורה למלאכי השרת ג) T. b. Berachot 25 b. Kidduschin 54 a. Monatsschrift, 51.Jahrgang. 27