Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 51 (1907)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Zur Geschichte und Charakteristik der paulinischen Briefe
- Date
- 1907-01-01
- Page
- Seite 398 (sequence 4)
- Language
- German
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398 Zur Geschichte und Charakteristik der paulinischen Briefe. gewesen war; Ein so außerordentliches Ereignis werfe den hellsten Schein auf Jesus selbst und gebe den Berichten der Evangelien über ihn n e u e Kraft. So ward also die Echtheit der paulinischen Briefe zu einem Bürgen für die Wirklichkeit Jesu und die Wahrheit der evangelischen Geschichte. Sie gewinnt damit eine über die rein wissenschaftliche weit hinausgehende religiöse Bedeutung. Und die Bejahung oder Verneinung der daraus entstehenden Fragen verändert vollständig das geschichtliche Bild, das sich seit etwa einem halben Jahrhundert von der Entwickelung und den ersten Zeiten des Christentums gebildet hat. In diesem Bilde steht der Apostel Paulus an erster Stelle neben Jesus. Er ist der einzige Apostel, der ein schriftliches Denkmal seines Geistes und Wirkens hinterlassen hat. Er gilt als der hervorragendste Verkünder des Evangeliums, als derjenige, der das Beste für dessen innere Gestaltung und seine weitere Entwickelung und Fortpflanzung geleistet hat. Er führt in seinen Briefen einen heftigen Kampf gegen das Judentum, erklärt das »Gfcsetz«, d. h. die jüdische Religion als abgestorben, ja als eine von vornherein nur zeitlich gütige Lehre, von Gott gegeben als einen »Zuchtmeister« auf Jesus hin. Er wendet sich deshalb mit seiner Verkündigung von dem Sohne üottes, dem G e kr e uz i g t en, an den großen Kreis der Heiden. Darum erscheint er den modernen protestantischen Theologen als der universellere Geist, als der »Fortgeschrittenere« Jesus gegenüber, der solche Gedanken noch nicht gehegt habe I Er ist ferner der Wissens- und gedankenreiche Theologe, der die einfachen und schlichten Lehren des Evangeliums mit großen und tiefsinnigen Spekulationen über die Sünde, die Gnade und die Erlösung bereichert, den Anstoß des Kreuzes dadurch, daß er den Tod Jesu als eine von Gott gewollte Tat, als eine Sühne für die von den Men-