Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 51 (1907)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Zur Geschichte und Charakteristik der paulinischen Briefe
- Date
- 1907-01-01
- Page
- Seite 396 (sequence 2)
- Language
- German
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396 Zur Geschichte und Charakteristik der paulinischen Briefe. gleichzeitiger griechisch-römischer Schriften, insbesondere denen Seneca’s, aufmerksam, und ebenso auch auf die Verwandtschaft der in ihnen entwickelten Begriffe mit denjenigen der im Anfänge des 2. Jahrhunderts auftretenden Gnostiker. Die Schlüsse aber, die er aus dieser Ver־ wandtschaft zog, der Radikalismus, mit dem er das Christentum für ein Erzeugnis der griechischen Philosophie erklärte, für ein Gebilde, das unter den römischen Cäsaren aus einer Mischung orientalischer Glaubensmeinungen mit philosophischen Anschauungen entstanden sei, mußten durch ihre Willkür und ihre Schroffheit abstoßen und entzogen auch den von ihm gegebenen wissenschaftlichen Darlegungen die vielfach gebührende Beachtung. Mit sehr gewichtigen Gründen, in sorgsamen und weit ausgedehnten Untersuchungen trat darauf der angesehene holländische Gelehrte A. D. Loman, Professor der Theologie in Amsterdam, gegen die Echtheit sämtlicher paulinischer Briefe auf. Er hält es für unerklärlich, daß diese Briefe, die durch den Namen ihres Verfassers wie durch ihren bedeutenden Inhalt in der gerade damals sich bildenden christlichen Literatur die größte und allgemeinste Beachtung hätten finden müssen, fast hundert Jahre nach ihrer angeblichen Ent stehung ni rgends erwähnt werden, weder in der Apostelgeschichte, die doch so vieles von Paulus zu berichten weiß, noch seitens anderer christlicher Schriftsteller, wie Justin, der den Lehren und Anschauungen des Paulus selbst sehr nahe steht. Sie werden erst in Verbindung mit den Gnostikern erwähnt, die sich auf Paulus als auf ihren AposteL berufen. Auch andere Gelehrte hat die eingehende Prüfung des Inhaltes der Briefe und ihres Zusammenhanges im einzelnen wie untereinander zur Erkenntnis vielfacher Widersprüche und Unverständlichkeiten in ihnen und zur Annahme von der Unechtheit einzelner und der mehrfachen Überarbeitung anderer geführt. So hat sich allmählich ein