Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 51 (1907)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Biblische und babylonische Religion
- Date
- 1907-01-01
- Page
- Seite 392 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2829132-2829803-2829808-2887765--35453-2887792- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
392 Biblische und babylonische Religion. in aller Welt ist I star, die Schönheit der Männer und Frauen als Opfer wünscht, die »Oeffnerin des Verschlusses aller Mägde«, von der erzählt wird, daß sie um den schönen Helden Gilgamesch — vergeblich allerdings— gebuhlt und geworben und in loderndem Zorne an ihm Rache zu nehmen geschworen — wo in aller Welt ist diese Göttin sinnlicher Brunst eine sittliche Macht? Oder A d a d, der Regengott? Oder Ninib? Oder Nergal, von dem ein Hymnus rühmt: »Sein Wort — geht es sanft einher, so zerstört es das Land; sein Wort — geht es wuchtig einher, so vernichtet es die Häuser«1)? Je tiefer wir in die Religion der Babylonier eindringen, je heller es da fern im Osten wird — »alte Zeiten werden jung« — umso bewunderungswürdiger erscheinen uns die geistigen Führer des Volkes am Jordan, die sich einer ganzen Welt und nicht zuletzt den Vorurteilen der eignen Nation entgegenwarfen, um die Herrschaft der Vernunft über die Materie, des abstrakten und rein geistigen und erhaben sittlichen Gottes über die Körperlichkeit und Sinnlichkeit der Götzen zu erstreiten; um darzutun, daß nicht der Mannigfaltigkeit der Lebens- und Naturäußerung ebensoviele selbständige göttliche Kräfte, Götter, entspräeben, daß Verursachtes nicht Ursache sein könne, daß vielmehr alles, was ist und wird und geschieht, nur Erscheinung, Ausdrucksform, Kraftwirkung eines ewigen und beharrlichen Seins sei. Nicht von heute zu morgen hat der Gedanke von dem Alleinen, Ewigen, Körperlosen im Volke Wurzel geschlagen, und was die fromme und ergreifende Überlieferung von Mose erzählt, war typisch für alle Propheten: immer und immer wieder mußten sie von ihrer stolzen Höhe herabsehen auf ein Volk, welches das goldene Kalb seiner liebgewordenen Vorurteile toll umtanzte. Aber in zähem Kampfe, Schritt für Schritt um Boden ringend, setzt sich *) Zur Uebersetzung s. Böllenrücher, Gebete und Hymnen an Nergal, S. 36.