Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 51 (1907)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Biblische und babylonische Religion
- Date
- 1907-01-01
- Page
- Seite 387 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2829132-2829803-2829808-2887765--35448-2887787- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Biblische und babylonische Religion. 387 Naturalismus. Istar, die zeugende Naturkraft; Sin, der freund* liehe Gefährte der Nacht, dessen heiteres Licht doppelt willkommen geheißen wurde nach der verzehrenden Glut des Tages; das zahllose Heer der Sterne, deren eindrucksvoller Glanz die Seele des einfachen Betrachters mit frommem Schauer erfüllte, deren glänzende Schrift dem Eingeweihten aber die Geschicke der Sterblichen kündete, dem Eingeweihten, der über der tollen Mystik der Astrologie dennoch die wissenschaftliche Erforschung des Laufes der Gestirne, der Wunder des Firmaments, nie verabsäumte; der Sonnengott, zugleich als Hort und Schirmer des Rechts verehrt, weil sein grelles Licht der Bosheit verborgenste Schlupfwinkel aufstöbert; Ramman, auch Adad genannt, der Gewitter-und Regengott; Anu, des Himmels Beherrscher; Bel, der Gebieter der Luftregion und der Erde; Ea, der Herr des Wassers »unter der Erde«; Nergai, der Gott des Todes und Verderbens; daneben ein Heer von Dämonen, die den Menschen feindlich belauern auf Weg und Steg, von der Wüste heranschleichen, Krankheit und Seuche um sich verbreitend. Oft und oft heißt es in den Gebeten an die Gottheit: »Dein aufgeregtes Herz möge sich beruhigen, dein erzürntes Gemüt sich besänftigen«, und mehr als anderwärts scheint in Babel die Furcht vor der Gottheit das Vertrauen zu ihr überwogen zu haben. Und ihr dient man nicht nur mit inbrünstigem Flehen oder frommen Opfern — seltsame Riten und Zeremonien schließen sich an beide an. Man verfertigt Bilder von Feinden und Hexen und Zauberern, die man dem Tode überantwortet; man weiht der Unterweltgöttin ein Menschenabbild, gleichsam als Ersatz für den Lebenden; man streut Staub in die vier Winde, Spuk und Zauber zu lösen; man beschwört und bespricht bei Krankheitsfällen alle möglichen und unmögliehen Götter und Dämonen, Götter, die man kennt und nicht kennt; man orakelt und weissagt; man weiht und 25*