Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 51 (1907)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Die wirtschaftliche und soziale Bedeutung der Juden im Mittelalter
- Date
- 1907-01-01
- Page
- Seite 288 (sequence 32)
- Language
- German
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288 Die wirtschaftliche ü. soziale Bedeutung d. Juden im Mittelalter. die dogmatische Anwendung der ökonomischen Geschichtserklärung, die hier wie überall die einmal vorhandene Mannigfaltigkeit der Erscheinungen gewaltsam zu vereinheitlicheri sucht. Die Judenfrage des Mittelalters umfaßt alle Bereiche kulturellen Lebens und ist darum nicht restlos als ökonomisches Phänomen zu begreifen. Überaus Wertvolles aber vermag die ökonomische Betrachtung der jüdischen' Geschichte des Mittelalters zu leisten, wenn sie ohne falschen Apriorismus den Erscheinungen ihr Recht werden läßt und sich mit heuristischer Verwendung der ökonomischen Gesichtspunkte begnügt. Eine so unternommene ökonomische Betrachtung der Lage der Juden wird auf den hoffnungslosen Versuch verzichten, die Ursache des Judenhasses ausschließlich auf wirtschaftlichem Gebiet zu suchen. Sie wird nicht bestreiten wollen, daß die wirtschaftliche Lage der Juden selbst vielfach außerwirtschaftlich bedingt ist. Aber sie wird zu zeigen haben, wie die spezifischen Formen mittelalterlicher Judenverfolgung und mittelalterlichen Judenrechts wirtschaftlich erklärbar sind, warum der auch zu andern Zeiten vorhandene Judenhaß gerade in diesen bestimmten Formen sich bezeugen mußte. Sie wird sich freilich dann auch von dem Fehler frei zu halten haben, das ganze Mittelalter als eine Einheit zu begreifen. Vielmehr wird sie ihre fruchtbarste Anwendung eben auch in der Betrach־ tung der tiefgreifenden Unterschiede innerhalb der mittelalterlichen Entwicklung finden. Denn es unterliegt natürlich keinem Zweifel, daß durch wirtschaftliche Verhältnisse, wie sie das Deutschland des späteren Mittelalters aufweist, eine starke Verschärfung des Gegensatzes zwischen Juden und Nichtjuden herbeigeführt wurde und kein Vorurteilsloser wird bestreiten, daß in zwei so verschiedenen Bildern wie den die Juden austreibenden Städten Deutschlands und den für die Juden petitionierenden Städten Siziliens auch ökonomische Unterschiede ihren Ausdruck finden. Zu solcher Anwendung wird freilich erforderlich sein, daß sie mit