Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 51 (1907)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Die wirtschaftliche und soziale Bedeutung der Juden im Mittelalter
- Date
- 1907-01-01
- Page
- Seite 287 (sequence 31)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2829132-2829803-2829807-2887617--35338-2887665- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Die wirtschaftliche u. soziale Bedeutung d. Juden im Mittelalter. 287 außerordentlich starkem Wandel unterworfen. Der frühmittelalterliche Kaufmann, der so oft für fremdes Geld bestellte Ware beschafft, der zu sehr starkem Teil eine feste Kundschaft versorgt, der die Ware ins Haus bringt, der persönlich den Transport seiner Wäre bewerkstelligt, ist nicht zu vergleichen mit dem Handelsherrn des späteren Mittelalters und ebensowenig dieser mit dem Hausierer, den uns das ausgehende Mittelalter gezeigt hat. Sie alle aber sind auch in der äußeren Organisation ihrer Wirtschaft scharf geschieden von modern-kapitalistischer Handels- Unternehmung. In erhöhtem Maße aber gilt das von dem sie erfüllenden und leitenden Geist. Auch der jüdische Kaufmann des Mittelalters ist nicht beherrscht von , dem Erwerbstrieb, der nach Sombart die kapitalistische Wirtschaft charakterisiert, sondern auch er sucht seine »Nahrung« so gut wie der mittelalterliche Mensch sonst. Die jüdischen Kaufleute untereinander respektieren, an vielen Orten wenigstens, streng die eingesessene Kundschaft ihrer Erwerbsgenossen, und die mittelalterliche Rechtsliteratur zeigt in überraschendem Maße, wie stark die Idee des Nahrungs- Schutzes auch die Wirtschaft der Juden beherrscht. So paradox es klingt, selbst für das Geldgeschäft der Juden trifft zum großen Teil diese Anschauungsweise zu, vor allem die kleine Pfandleihe wird in überwiegendem Maße als »Nahrung« betrieben, und man braucht nicht bis ins Mittelalter zürückzusteigen, um den Beweis zu liefern, daß der Kleinhandel auch der Juden weltenweit vom kapitalistischen Geist entfernt ist. Der jüdische Kleinhändler alten Stils in den kleinen Städten und Dörfern ist meist, wenn auch in anderer Nüanzierung, von demselben ruhigen und bequemen Geist erfüllt wie sein christlicher Nachbar. Mit alledem soll selbstverständlich den Wirtschaftliehen Verhältnissen der Juden nicht ihr Einfluß auf ihre rechtliche und gesellschaftliche Lage abgesprochen sein. Die vorstehenden Bemerkungen richten sich nur gegen