Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 51 (1907)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Die wirtschaftliche und soziale Bedeutung der Juden im Mittelalter
- Date
- 1907-01-01
- Page
- Seite 286 (sequence 30)
- Language
- German
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286 Die wirtschaftliche u. soziale Bedeutung d. Juden im Mittelalter. Gleichwohl wird man auch in dieser Theorie keine befriedigende Erklärung der Lage des mittelalterlichen Judentums finden können. Gegen sie spricht zunächst die von Roscher zur Stütze seiner Anschauung geltend gemachte Tatsache, daß, wenn auch nicht durchweg, so doch in einzelnen Ländern mit der fortschreitenden Wirtschaftliehen Kultur sich die Lage der Juden bedeutend verschlechtert. Auch die Geschichte der spanischen Juden, die freilich auch nicht für Roscher angeführt werden kann, spricht jedenfalls aufs Stärkste gegen Sombart, da die Hochblüte des spanischen Kapitalismus mit der Vertreibung der Juden aus Spanien zusammenfällt. Vor allem aber krankt diese Anschauung an der irrigen Annahme, daß die Juden durchweg Vertreter kapitalistischen Geistes seien. Dieser Annahme stehen einmal die so oft hervorgehobenen Tatsachen entgegen, daß die Juden in vielen Ländern in überwiegendem Maße in Handwerk und Ackerbau tätig si nü. Weder den sizilianischen Schmieden und Lastarbeitern noch den griechischen Seidenbauern, noch den palästinensischen Handwerken, von denen uns eine Spätmittelalterliehe Quelle berichtet, können etwaige Gefühle zu Gunsten oder zu Leide des Kapitalismus etwas nützen oder schaden. Und wenn noch heute die jüdischen Handwerker Marokkos und ihre Berufsgenossen mitsamt den jüdischen Proleiariern Rußlands sich unter völlig mittelalterlichem Rechtsdruck befinden, so werden auch sie nicht als Vertretei des Kapitalismus sich ihre Emancipation erringen können. Aber noch nach anderer Seite hin scheint mir die Identifizierung der Wirtschaftsweise der Juden im Mittelalter mit modern-kapitalistischer Wirtschaftsführung unzulässig. Auch der jüdische Händler des Mittelalters kann nur sehr vereinzelt als Vertreter kapitalistischen Geistes angesprochen werden. Das gilt von der äußeren Organisation wie von den beherrschenden Antrieben der jüdischen Handelsunternehtnungen im Mittelalter. In ihrer äußeren Organisation sind sie