Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 51 (1907)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Die wirtschaftliche und soziale Bedeutung der Juden im Mittelalter
- Date
- 1907-01-01
- Page
- Seite 278 (sequence 22)
- Language
- German
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278 Die wirtschaftliche u« soziale Bedeutung d. Juden im Mittelalter. Stolz verweilt, so heißt es mit zweierlei Maß messen, wenn man an den freilich bescheideneren jüdischen Unternehmungen, deren Erbe sie äntraten, nur schädliche Wirkungen zu entdecken weiß. Die jüdischen Banken selbst freilich verschwinden aus der Geschichte, lange bevor Deutschland seinen wirtschaftlichen Höhepunkt erreicht. Trotz vereinzelter Ausnahmen, die sich auch im 16. Jahrhundert noch nächweisen lassen, findet das jüdische Bankgeschäft größeren Stils etwa mit dem zweiten Viertel des 15. Jahrhunderts sein Ende. Die mehrfach wiederholten Beraubungen der Juden, die sich unter dem Namen der Juden- Schuldentilgungen verbargen, erschöpften schließlich die Kapitalkraft der Juden und stärkten zum Teile direkt ihre christlichen Konkurrenten, und die Vertreibung der Juden aus einer Reihe der blühendsten deutschen Städte bildete ein weiteres Hindernis der Wiedererlangung ihrer verlorenen Position. So geht den Juden auch die letzte große Stellung, die sie im deutschen Wirtschaftsleben behauptet hatten, nunmehr verloren, und die glänzendsten Zeiten der deutschen Wirtschaftsgeschichte fallen zusammen mit der kümmerlichsten Periode der wirtschaftlichen Stellung der deutschen Juden. In den folgenden Jahrhunderten finden wir sie vorwiegend als kleine Pfandleiher, Alt- Warenhändler, Hausierer, die sich mühselig ihre dürftige Nahrung besonders auf dem Lande erwerben. Für die Fortentwicklung der deutschen Wirtschaft freilich sind auch diese kümmerlichen Erscheinungen von großer Bedeutung. Der jüdische Hausier- und Kleinhandel hat in außerordentlich starkem Maße dazu beigetragen, die Grenzen der städtischen Wirtschaft zu sprengen; er hat dem lokalen Handwerk vielfach erfolgreiche Konkurrenz geboten und den Erzeugnissen der neu entstehenden kapitalistischen Produktion ihren Absatz gesichert, und nicht ohne Grund richten sich um die Wende des 16. und 17. Jahrhunderts an verschiedenen Orten gerade die Handwerks-