Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 50 (1906)
- Issue
- Heft 4
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1906-01-01
- Page
- Seite 506 (sequence 10)
- Language
- German
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506 Besprechungen. eine breite Lücke. Ist es möglich und denkbar, daß die großen. Lehren und Traditionen der Propheten, die doch in den Kreisen der großen Pharisäermassen — es hat ja unstreitig gegenüber dem Amhaarez solche gegeben — unsterblich und unvergessen waren, und die erhalten zu haben ihr und ihrer Lehrer Verdienst ist, ist es möglieh, daß diese erhabenen, kaum mehr zu überholenden, menschenumfassenden, wenn auch nationalen Predigten, gerade in dieser versunken und vergessen waren? Wenn der Hellenismus, und er allein, im Diasporajudentume an den Prophetismus angeknüpft hat, dann hat er hier, wie in Palästina, wo er gewiß nicht tief Wurzel gefaßt hat, nicht in das Leere gegriffen, sondern in Pharisäerkreisen das Wort der Propheten lebendig vorgefunden und nicht nur das Wort sondern auch die Tat. In der harten. Schale des Gesetzes hat der süße Kern trostreicher und beglückender prophetischer Gedanken, hat die uralte Überlieferung der universalistischen Thora der Vorzeit sich treu erhalten und bewahrt; in jedem Falle besser, als in der feingewobenen, aber leicht zerreißbaren Hülle der hellenistischen und evangelistischen Heilslehren sich die reine Gottesidee und Bewährung der Nächstenliebe im geschichtlichen Leben und Wirken der gewönnenen Völker erwiesen haben. Deß sind die Werke der reinsten Liebe unumstößlicher Beweis, die das Judentum nach seiner pharisäischen Ausgestaltung und während derselben durch Jahrtausende innerhalb und außerhalb seiner Kreise mit bewundernswerter Beharrlichkeit geübt hat. In gewissem Sinne war das pharisäische Judentum und ist es immer äußerlich begrenzt und innerlich grenzenlos. Es hat in die Tiefe und nicht in die Breite gearbeitet. Die Behauptung, daß der Hellenismus oder die evangelistische Lehre erst die Tröstungen des Heilsgedankens vom Jenseits und von der Unsterblichkeit in das Judentum getragen hätten, ist nicht stichhältig. Allerdings ist die Auffassung vom Jenseits und von der Unsterblichkeit eine von allem poetischen Überschwang und abenteuerlicher Ausmalung freie. Daß das Judentum nicht Weltreligion geworden ist, und zwar in dem Sinne, wie es das Christentum geworden ist, wird kein Religionsforscher und Geschichtskenner bedauern, der weiß, daß ein Stück der welterobernden Arbeit denn doch das Judentum geleistet hat, indem es zur Gründung des Christentums und des Islam den Samen gelegt hat, und was aus den dem Judentum entnommenen und ihm ureigenen Hauptideen dieser Bekenntnisse in den Händen der Erben geworden ist. Und Jesus selbst, der gesetzestreue, und die für die-prophetischen universalen ־—. und nationalen — Ideen begeisterten hellenistischen Juden würden das Gewordene nicht wiedererkennen. Als Vorbereiter des Christentums ist mit Recht das Diaspora-