Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 50 (1906)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Die Juden und die deutsche Literatur
- Date
- 1906-01-01
- Page
- Seite 455 (sequence 12)
- Language
- German
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Die Juden und die deutsche Literatur. 455 sein konstruiererfund den Traum einer jüdischeri'Nationalität oder gar eines jüdischen Staates darstellen, oder1 sich direkt bemühen, ihn in die Wirklichkeit umzusetzen. Ich beklage die zahlreichen Romane, Gedichte und Dramen, die in neuerer Zeit von deutschen Juden veröffentlicht wörden sind, alle von dem Streben erfüllt, ein neues Ghetto zu errichten, viel drückender als das alte, weit es ein selbstgeschaffenes ist, und weil es nicht diejenigen zurückdämmt, die durch Kleidung, Sprache und Gesittung sich von ihren Stadt- und Landgenossen unterscheiden, sondern weil es die durch die gesamte Kultur Geeinten, nur durch den Glauben Getrennten gänzlich von einander zu scheiden sucht. Nicht Antisemitismus und Zionismus, diese beiden traurigen Schmarotzerpflanzen des ausgehenden 19. und' des beginnenden 20. Jahrhunderts, können in mir die Überzeugung vernichten, daß der deutsche Gelehrte und Schriftsteller jüdischen Glaubens voll und ganz irt Sprache und Gesinnung ein Deutscher ist, wohl berechtigt und befähigt die Juden in der deutschen Literatur zu betrachten. Was soll nun diese Vorlesung bieten? Ihr deutscher Titel: die Juden in der deutschen Literatur deutet es nicht vollständig an. Er könnte den Irrtum erwecken, daß eben nur ihre aktive Beteiligung an der deutschen Literatur gemeint sei, daher kann der lateinische, so zopfig er ist, als etwas deutlicher bezeichnet werden: quales in litteris germanicis sint descripti et quid praestiterint. Er besagt, daß zu dem Aktiven etwas Passives komme; welche Rolle sie in der Beurteilung der deutschen Schriftsteller spielten ich sage absichtlich: passiv, weil die von ihnen gespielte Rolle meist die leidende war. Ein Drittes indeß muß hirtzugefügt werden, nämlich das Causative, oder Faktitive, die Wirkung und Beeinflussung der Literatur durch die Juden. Hier handelt es sich hauptsächlich um ein Doppeltes. A neben der Darstellung von jüdischen Legenden (Herder), oder jüdischen Erzählungsstoffen (Chamisso) in der deutschen Literatur,