Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 50 (1906)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Die Juden und die deutsche Literatur
- Date
- 1906-01-01
- Page
- Seite 453 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Juden und die deutsche Literatur. 453 wissenschaftliches Unternehmen zu prüfen, wie innerhalb einer Nationalliteratur über eine besondere Gemeinschaft gedacht worden ist und 2u zeigen, wie die zugehörigen dieser Glaubensgemeinschaft einem Volke sich angeschlossen haben, dem sie durch Geburt und Neigung, nur nicht durch den Glauben angehört haben. Was nun aber die dritte Frage betrifft, ob gerade i ch geeignet oder berufen sei ein solches Thema Wissenschaft- Ijch zu behandeln, so hoffe ich nicht nötig zu haben, mir von Herrn Bartels darüber ein Zeugnis zu holen. Dieser nennt mich an einer Stelle, »den eifrigsten Propagator des literarischen Judentums« und sagt an einer anderen Stelle, da er von Bettine spricht, »sie wird von Ludwig Geiger mit Vorliebe zum Studienobjekt gemacht« (dabei ist es ganz lustig anzusehen, daß die geschworenen Verfechter der Romantik mich tadeln, daß ich Bettine nicht hoch genug stelle, weil ich bei aller Wertschätzung ihrer dichterischen und politischen Qualitäten, als Historiker Protest gegen die Willkür einzulegen wagte, in der sie mit historischen Dokumenten umspringt). Ich glaube allerdings berechtigt zu sein, dieses Thema wissenschaftlich zu behandeln, nicht nur weil ich ein Deutscher jüdischen Glaubens bin. Die Konfession allein befähigt nicht und hindert nicht. So gut Leopold von Ranke, um nur einen Protestanten zu nennen, die Größe und Bedeutung des Papsttums und der katholischen Kirche erkannte und darstellte, so gut zwei Katholiken, Cornelius und Kampschulte, Calvin und die deutsche Reformation 7u schildern fähig waren, so gut könnte jeder Christgeborene, wenn er nur die nötigen Kenntnisse besitzt, die Entwickelung des Judentums darstellen. Und so ist auch jeder wissenschaftlich gebildete Jude durchaus geeignet der sogenannten christlichen, der allgemeinen deutschen Literatur sich hinzugeben. Wir deutsche Gelehrte jüdischen Glaubens haben stets unsere Ehre und unseren Stolz darin