Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 50 (1906)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Die Juden und die deutsche Literatur
- Date
- 1906-01-01
- Page
- Seite 452 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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452 Die Juden und die deutsche Literatur. warum die guten Judenwitze — wenn auch vielleicht hier Hausierer oder Kommerzienräte in nicht übermäßig appetitlicher Weise dargestellt werden — weniger statthaft sein sollten, als die stehende Rubrik der Schwiegermütter- und Professorenwitze. So wenig der ernsteste Professor und die beste Schwiegermutter über solche Anekdoten sich ereifert, so wenig braucht der Jude hier gleich über Unduldsamkeit und Böswilligkeit zu klagen. Die Behandlung dieses Stoffes in wissenschaftlicher Weise hat aber auch Schwierigkeiten, die in der Sache selbst liegen. Ein Bedenken dieser Art ist mir nicht von judenfeindlicher, sondern von jüdischer, aufgeklärter Seite geäußert worden. Als ich im Jahre 1887 zum erstenmale in der von mir geleiteten Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland die eine oben erwähnte, erste derartige Studie: »Goethe und die Juden« veröffentlichte, mahnte mich ein älterer, seitdem verstorbener Freund ab, diese Studien fortzüsetzen. Er hatte auch gegen die schon veröffentlichte schwere Bedenken. Er meinte, man müsse die Judenfrage als nichts anderes behandeln, denn »als eine allgemeine Frage der Humanität, der bürgerlichen Gerechtigkeit«. Man dürfe überhaupt keine Judenfrage anerkennen. Was ich damals antwortete und seitdem öfters genug auszuführen in der Lage war, kann ich auch heute nur wiederholen: ich konstatiere keine Judenfrage, sondern ich statuiere ein völkergeschichtliches Problem. Denn es ist ein völkergeschichtliches Problem, den Gang einer Glaubensgemeinschaft durch die Jahrhunderte, durch die Geschichte eines ursprünglich fremden Volkes zu verfolgen, zu zeigen, wie die Mitglieder dieser Glaubensgemeinschaft sich mit den Angehörigen des Volkes assimilierten, wie sie die Sprache und Geistesrichtung jener Nation annahmen und zu dieser Entwicklung ihr Eigenes beitrugen. So gut man Stoffentwicklung und Behandlung innerhalb einer Literatur oder der Weltliteratur verfolgt, ebenso ist es ein