Mannheim
Compact Memory

Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1906-01-01 · Heft 3 · p. Seite 362

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
50 (1906)
Issue
Heft 3
Article
Die Juden und die deutsche Literatur
Date
1906-01-01
Page
Seite 362 (sequence 12)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2829132-2829795-2829799-2886866--34578-2886989
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

362 Die Juden und die deutsche Literatur. mahlin eine, zum Liebesparoxysmus oder Heiligenkultus gesteigerte Verehrung widmend, jedes Blättchen, das von ihr geschrieben oder an sie gerichtet war, als Reliquie aufbewahrte. Er war es auch, der aus den Nachlässen anderer berliner Jüdinnen manch wertvolles Stück rettete. Ihm verdanken wir zum Beispiel die Briefe Goethes an die Schwestern Sarah Grotthuss und Marianne von Eybenberg (beide geborene Meyer) aus Berlin, ihm die dürftigen Reste des Nachlasses von Henriette Herz. Freilich die Briefe des jungen Börne an die von ihm heißgeliebte schöne Frau sind nur in Abschriften von Varnhagens Hand vorhanden, diese Abschriften jedoch können uns für die verloren gegangenen Originale entschädigen. Aber wo kein Varnhagen da war, hat sich das meiste verflüchtigt und rettungslos verloren ist diese wichtigste Erkenntnisquelle für unsere Vorfahren und deren Beziehungen zum deutschen Geistesleben. Nur ein einziger Fall ist mir bekannt, in dem durch jüdische Hände ein literarischer Nachlaß vollständig gerettet worden ist, ich meine den Ludwig Börnes. Es gehört wohl in diesen Zusammenhang wenn ich davon erzähle. Eine kurze Notiz darüber habe ich im literarischen Echo, Oktoberheft 1905, veröffentlicht; damals wußte ich jedoch nur ganz allgemein Bescheid; heute kann ich nach eingehendem Studium des Nachlasses, das ich im März 1906 vornahm, Genaueres berichten. Ludwig Börne, den wir, obgleich er aus äußerlichen Gründen die Taufe annahm, als den unsrigen reklamieren können, hinterließ seiner jüdischen Freundin, Jeanette Wohl seinen gesamten literarischen Nachlaß. Diese Frau, die den inniggeliebten Freund vermutlich nur deshalb nicht heiraten konnte, weil sie fürchtete, durch die Verbindung mit einem zum Christentum übergegangenen Manne ihre orthodoxe Mutter zu kränken, war literarisch hochgebildet und besaß jenen pietätvollen Sinn, der sie zur Aufbewahrerin eines

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.