Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 50 (1906)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Die Juden und die deutsche Literatur
- Date
- 1906-01-01
- Page
- Seite 361 (sequence 11)
- Language
- German
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Die Juden und die deutsche Literatur. 361 Erkenntnis der einzelnen Persönlichkeiten oder der Signatur der Zeit halte. Ich erachte den von manchen vertretenen Standpunkt, daß für die Erkenntnis eines Schriftstellers die von ihm herausgegebenen Werke genügten, für falsch oder zum mindesten für beschränkt und halte den Einwand, daß die meisten Autoren ihre Briefe von den Ausgaben der Werke ausschlossen, daß daher die Editoren diesem Beispiel zu folgen hätten, für ganz belanglos. Gerade in den Briefen gibt sich ein Mensch oft ganz anders als in seinen Werken, viel offener und freier, rückhaltloser und wahrheitsliebender. Mag auch bei manchen Briefen eine bestimmte Absicht vorliegen, eine besondere Tendenz verfolgt werden, im allgemeinen sind die Briefe, weil unmittelbarer, kunst- und müheloser geschrieben, der unverfälschte Ausdruck der Persönlichkeit. Für die Erkenntnis jüdischen Wesens, für die genauere Erforschung des Seelenlebens der Juden, ihre Be- Ziehungen zu Deutschland und der Literatur, wäre es daher ein außerordentlicher Segen, wenn mehr Briefe erhalten wären. Leider tritt aber auch hier der mangelnde geschiehtliehe Sinn der Juden unserer Kenntnis schädigend entgegen. Wie die Gemeinden ihre Archivalien, so haben Familien ihre Briefe, entweder der Vernichtung preisgegeben oder in Achtlosigkeit verkommen lassen. Briefliche Nachlasse berühmter Juden und Jüdinnen existieren nur ausnahmsweise, hauptsächlich dann, wenn die Nachkommen zum Christentum übergetreten sind und durch Übernahme eines neuen Glaubens auch historische Pietät gewannen. Oder wenn die Nachkommen der Großen Kaufleute wurden, und die strenge Ordnung ihrer Handlungsbücher, ihres ganzen Geschäftslebens auf den Nachlaß der Vorfahren übertrugen. So geschah es mit den Trümmern des Mendels־־ sohn- und David Friedländerschen Nachlasses. Etwas anders steht es mit der brieflichen Hinterlassenschaft der berühmten Rahel, deren Gatte, Varnhagen von Ense, seiner Ge-