Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 50 (1906)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Die Juden und die deutsche Literatur
- Date
- 1906-01-01
- Page
- Seite 358 (sequence 8)
- Language
- German
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358 Die Juden und die deutsche Literatur. und auch seine bisher bekannten, sowohl an Christen wie an Juden gerichteten Briefe, so hat man einen vollendeten, des Deutschen vollkommen mächtigen Schriftsteller Vor sich, ln diesen Briefen dagegen erkennt man den mit der Sprache Ringenden. Nicht nur darin, daß der vertraulicher Ausspräche sich Hingebende die Feder laufen läßt und sich um stilistische Schönheit nicht bekümmert, sondern darin, daß er wirklich mit der deutschen Sprache kämpft. Er macht Fehler in der Konstruktion der Sätze, im Gebrauch der Präpositionen. Er gebraucht, vielleicht der geistigen Eigenart der Adressatin entgegenkommend, die des Jüdischdeutschen mehr gewohnt war, als des reinen Deutschen vielfach hebräische Ausdrücke; es hat etwas unsagbar Rührendes in der Unterschrift statt Moses oder Moses Mendelssohn : Moscheh Hakotaun oder Moscheh Midessau zu lesen. Wichtiger jedoch ist, daß er unendlich viel französische 'Ausdrücke einflicht. Diese Einfügungen darf man nicht etwa pädagogischen Zwecken zuschreiben, nicht etwa meinen, daß Mendelssohn seine Braut im Französischen habe unterrichten wollen, sondern muß sie als einen Beweis der Tatsache ansehen, daß in der Umgangssprache der damaligen Berliner, Juden wie Christen, das Französische ein ganz wesentliches Element war; denn die gebrauchten Wörter sind oft so selten, nicht etwa Fremdwörter, die schon damals Bürgerrecht in der deutschen Sprache erlangt hatten daß man wirklich auf eine Vorherrschaft des Französischen in der Hauptstadt Friedrichs des Großen schließen kann. Vielleicht möchten manche diese Sprachenmischung nicht als einen Zauber, vielmehr eher als einen Fehler denn als Vorzug betrachten. Und doch liegt gerade in diesem Ringen, das ich mit dem lieblichen Stammeln eines Kindes vergleichen möchte, etwas Überwältigendes; es ist das klarste Abbild derer, die sich an die Pforte des Paradieses des Deutschtums drängen, und nur mit halbem Erfolg Einlaß begehren. Manch’ anderer Zauber indessen herrscht in diesen