Mannheim
Compact Memory

Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1906-01-01 · Heft 3 · p. Seite 353

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
50 (1906)
Issue
Heft 3
Article
Die Juden und die deutsche Literatur
Date
1906-01-01
Page
Seite 353 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2829132-2829795-2829799-2886866--34569-2886980
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Die Juden und die deutsche Literatur. 353 an der Fortbildung deutscher Literatur und Wissenschaft Anteil nahmen, einen breiteren Platz einnahmen, als von den Auftraggebern gefordert und vielleicht beabsichtigt war. Ich weiß wohl, daß diese Partien: die Schilderung der Aufklärung, besonders David Friedländers, und die Darstellung der Salons, d. h. der Kreise, die sich um Rahel Levin und Henriette Herz bewegten und dieser Frauen selbst mancherlei Anstoß erregt haben. Sie trugen mir den Vorwurf ein, daß ich einen Mann glorifiziert hätte, der dem Judentum mehr geschadet als genützt habe, indem er nahe daran gewesen sei, die väterliche Religion zu verlassen und riefen die Anklage hervor, ich hätte Getauften, die mit Stillschweigen hätten bestraft werden müssen, einen Ehrenplatz eingeräumt. Ich hielt und halte diese Vorwürfe für unberechtigt: Friedländer ist ein so ehrenhafter Kämpfer, daß seine Gewissensnöte, mögen sie auch seine Schwäche bezeugen, doch eher Bewunderung als Mitleiden erregen und notwendig zu einer inneren Geschichte des Judentums gehören. Die genannten Frauen aber und viele andere Zeit- und Geschlechtsgenossinnen haben ihr Bestes durch ihren jüdischen Ursprung empfangen, bekunden so deutlich den nahen Zusammenhang zwischen deutschem und jüdischem Wesen, weisen so lehrreich die guten, freilich auch die schlimmen Folgen der ersten Amalgamierungsversuche auf, daß sie garnicht breit genug behandelt werden konnten. Ich stehe heute 35 Jahre nach jenem Jugendversuche, obgleich meine Kenntnis der Personen und Zustände sich vertieft hat, meine Darstellungsweise vielfach eine ganz andere geworden ist, noch durchaus auf dem Standpunkt, den ich damals einnahm und habe nie einen Augenblick bedauert, jene Abschnitte geschrieben zu haben. Obgleich meine Universitätsstudien unter der Leitung eines großen Historikers, Georg Waitz begonnen und beendet und der Geschichte gewidmet waren, war niemals die politische, sondern immer die Geistesgeschichte das 23 Monatsschrift, 50. Jahrgang.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.