Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 50 (1906)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Die Blutbeschuldigung in oberbadischen Liedern aus dem 15. und 16. Jahrhundert
- Date
- 1906-01-01
- Page
- Seite 320 (sequence 5)
- Language
- German
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320 Die Blutbeschuldigung in oberbadischen Liedern. namens beten. Das sind Fabeln, die sich an die Purimfeier gehängt haben, wie an anderen Orten das Aufhängen oder Verbrennen einer den Haman darstellenden Puppe als eine Verunehrung und Hinrichtung Jesu ausgedeutet wurde, ln solchen Fabeln, denen keinerlei berechtigter Anlaß geboten ist, spricht sich allein das schlechte Gewissen der damaligen Christenheit aus, die es als selbstverständlich annahm, daß Menschen, die so gequält und gepeinigt wurden wie die Juden, ihre Peiniger ingrimmig hassen. Die Bekenner der Religion der Liebe konnten es nicht begreifen, daß neben ihnen Menschen lebten, die es zwar nicht vermochten, ihre Feinde zu lieben, die sie aber bemitleideten und verachteten ob der Roheit ihrer Gesinnung und der .Unmenschlichkeit ihres Gebahrens. Auch dieses Gedicht weiß, was Herz und Mund der Juden tun würden, wenn sie nicht Juden wären, Menschen, deren Empfinden gezügelt und geläutert wurde durch die Thora. »Zum dritten mal »in irm bett gar groß groß unsal »alltag uns wünschen ungemach«. Soweit das nicht bloßes Hirngespinst ist, beruht es auf dem Mißverstehen des 19. Stückes der Schemona eßreh (die nie im Bett gebetet wird), dem Gebete gegen die Verleumder und das Reich der Bosheit. Tief schmerzt es den Dichter, daß die »heilige cristenheit« so gar verachtet ist von Juden und manchem bösen Christen. An einem Orte sollten gefangene Juden an einem Sabbathtage aus dem Gefängnisse entlassen werden. Sie weigerten sich dessen: »wir kommen morn noch wol daruon«. Und sie wurden am Pfingstsonntag frei, wodurch der »suntag reprobiert«, der »iudensabath confirmierl« worden ist. Das Gedicht reiht jetzt einen weitern Kindsmordfall an, dessen ich in »Juden in Freiburg« S. 93—96 ausführ-