Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 50 (1906)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Judentum und Christentum [Rezension]
- Date
- 1906-01-01
- Page
- Seite 282 (sequence 26)
- Language
- German
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282 Judentum und Christentum. jeder Moral die zehn Gebote der Thora, die Forderungen der Gerechtigkeit und gesetzlichen Gleichheit, die als »Mauersteine aus Palästina« in die Verfassungen der Staaten der Neuzeit aufgenommen worden sind. Neue Kraft gewinnen in der sozialen Gesetzgebung der Gegenwart die Vorschriften der Sabbatruhe und der Hülfsbereitschaft dem Schwachen und Armen gegenüber, und das Ziel der Zukunft, es bleibt dasselbe, dem Israel immer zugestrebt hat. Die Herbeiführung einer »Zeit der allgemeinen Gotteserkenntnis, der ungestörten Arbeit und des vollen Friedens«1). Hinsichtlich der Betrachtungen, die Harnack über den Gang des Christentums durch die Geschichte anstellt, läßt sich ebenfalls dartun, daß er die *zeitgeschichtliehen Verhältnisse unbeachtet läßt und den Zusammenhang der ersten Christengemeinden mit dem Judentume derart übersieht, daß er den Christen Palästinas bereits alle Eigenschaften ihrer späteren Glaubensgenossen zuschreibt, denen die verschiedensten Elemente beigemischt waren. Die Jünger Jesu, die ihrem Meister über den Tod hinaus treu geblieben waren, suchten ihren Trost und ihre Aufrichtung dort, wo sie gewöhnt waren, sie zu finden, in der Heiligen Schrift. Es ist nicht zu verwundern, daß sie die Stellen, die ihnen auf ihr Vorbild zu passen schienen, so vor allem die Verkündigungen des Jesaias vom »Knechte Gottes« und dem »Gotteslamm«, so lange umdeuteten, bis sie wirklich paßten, oder daß sie die Geschehnisse so lange änderten, bis sie der Verkündigung entsprachen. So schufen schlichte, jüdische Männer voll Begeisterung und Liebe* das Lebensbild Jesu mit all dem Rührenden und Erhabenen seiner Erscheinung, mit all der Kraft und Weisheit seiner Sprüche, während dem Apostel Paulus die Aufgabe zufiel, die religiösen Doktrinen festzusetzen, d1״e Bedeutung nur in der christlichen Dogmatik erlangt haben2). *) Eschelbacheri, S. 90. 2) a. a. O. S. 99.