Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 50 (1906)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Judentum und Christentum [Rezension]
- Date
- 1906-01-01
- Page
- Seite 281 (sequence 25)
- Language
- German
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Judentum und Christentum. 281 weis, den Harnack versucht, daß Jesus bei allen diesen Lehren nur ein Zukunftsbild vor Augen gehabt hat, muß als mißlungen betrachtet werden, und fest steht nur, daß Jesus kein sozialer Reformer war, wie die alten Propheten, daß er seinen Blick nicht auf die gegenwärtigen Zustände des Staates, in dem er lebte, gerichtet, sondern daß er ein Reich gründen wollte, das nicht von dieser Welt war. Dies zeigt sich schon darin, daß das Evangelium nichts vom Kampfe ums eigene Recht weiß und hierin gerade diejenigen christlichen Kreise im Stich läßt, die im Alten Testamente nur ein Erbauungsbuch sehen, wie Harnack selbst, der dennoch, um den Unwert der Askese zu beweisen, zu den Worten der Psalmen zurückgreifen muß1). Das Evangelium ist eben keine selbständige, in sich abgeschlossene religiöse Lehre und kann die feste Grundlage des Alten Testamentes umsoweniger entbehren, als Jesus selbst nichts anderes wollte, als die Verheißungen der Propheten erfüllen. Weder er noch seine Jünger, sogar Paulus nicht, wollten eine neue Heilige Schrift schaffen. Das Alte Testament war lange Zeit hindurch nicht nur das erste, sondern auch das einzige heilige Buch der Kirche, und erst vom zweiten Jahrhundert ab, schritt man zur Niederschrift des dem Christentume eigentümlichen Neuen Testamentes2). So ist es gekommen, daß das Alte Testament die Grundquelle aller Lehren geworden ist. Was darüber hinaus gefordert worden ist, hat höchstens hinter Klostermauern Beachtung gefunden und wer es heute in seinem vollen Umfange befolgen will, läuft Gefahr, von der christlichen Gesellschaft, die sich die beste nennt, in Acht und Bann getan zu werden. Bestand aber haben die einfachen, schlichten Lehren der Schriftgelehrten, die Jesus übernommen hat; Bestand haben als Grundlage 1) Eschelbacher, S. 91. 2) a. a. O. S. 92.