Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 50 (1906)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Judentum und Christentum [Rezension]
- Date
- 1906-01-01
- Page
- Seite 263 (sequence 7)
- Language
- German
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Judentum und Christentum. 263 Schlimmer noch stand es und steht es zur Zeit in Rußland, wo man sich jeder Rücksicht gegen die schutzlosen Juden enthoben glaubt, und wo infolge der Maßnahmen der Regierung die Taufe fast zu einer bloßen Formalität herabgesunken ist. Die Bekehrung der Juden gilt dort als alleinige Lösung der Judenfrage, und die strengen Maßregeln gegen sie haben nach dem Ausspruch Pobjedonoszews nur den Zweck, »daß ein Drittel zum Christentum Übertritt, ein Drittel zur Auswanderung gezwungen wird und ein Drittel durch Not und Elend zugrunde geht«1). So sehr aber auch die Judenmission von den Staatsgewalten gefördert wurde, sie hat doch nur nennenswerten Erfolg gehabt, wo sie, wie L. A. Frankl sagt, »mit goldnen Netzen Menschenfischfang trieb«2). Die ungeheuren aufgewandten Mittel — im Jahre 1893 gab es 55 Missionsanstalten mit 399 Missionaren, die ein jährliches Einkommen von mehr als zwei Millionen Mark besaßen und über 30 Zeitschriften verfügten3) — standen in keinem Verhältnis zu dem Gewinn; denn der Jude war nicht leicht zu überzeugen. Er konnte an Lehren nicht glauben, die dem Verstände widerstritten; er konnte nicht anerkennen, was durch den Augenschein widerlegt war. Das Reich des Friedens, das der Messias begründen sollte, war noch nicht gekommen; die durch die Taufe von der Erbsünde erlösten Christen waren nicht bessere Menschen geworden. Was blieb? Der gemeine äußere Vorteil, der immer und immer wieder »Taufgesinnte« in die Netze der Menschenfischer trieb, von denen viele selbst Renegaten waren und ihre Arbeit skrupellos ausübten, so vor allem im heiligen Lande selbst unter den dort heimischen Juden und unter den Scharen der armen russischen Auswanderer, denen sie *) Samt er, S. 45. ף a. a. O. S. 56. 3) a. a. O. S. 51.