Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 50 (1906)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Judentum und Christentum [Rezension]
- Date
- 1906-01-01
- Page
- Seite 261 (sequence 5)
- Language
- German
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Judentum und Christentum. 261 zurückhielt, ließ seine Kinder taufen, ihnen gleiche Kämpfe zu sparen. Dazu kamen die Mischehen, die seit 1874 ohne Übertritt geschlossen werden konnten, aber doch fast immer den Verlust der Familie zur Folge hatten, so daß sie sogar der »Nagel zum Sarge des Judentums« genannt worden sind1), und die namentlich in Deutschland seitens vieler Theologen und Männer der Wissenschaft geförderte Ansicht, der Jude müsse, um im Deutschtum aufzugehen, die Religion der Deutschen annehmen. Vor allem aber wurde der Übertritt erleichtert durch die modernen Anschauungen angepaßte Auslegung oder Umdeutung der Dogmen und die unabläßigen Bemühungen von christlieher und jüdischer Seite, die beiden Religionen einander zu nähern und durch den Verzicht der Juden »auf die Zeremonien, die sie ja doch nicht übten«, und der Christen »auf die Dogmen, die sie ja doch nicht glaubten«, eine Allerweltsreligion zu stiften, »in der sich Juden und Christen warum nicht auch Türken und Heiden? — die Bruderhand reichen könnten«2). Alle diese Bestrebungen, die seitens einsichtiger Männer durch das Trachten nach dem vollen Bürgerrechte für den Juden und zeitgemäße Reformen des Gottesdienstes bekämpft wurden, fanden Unterstützung seitens des Staates, besonders in Österreich und Preußen. Die Verheißungeri, die während des großen nationalen Aufschwungs gegeben worden waren, wurden nicht erfüllt. Die Rechte, die gewährt worden waren, blieben auf dem Papier stehen, trotzdem die Juden während der Befreiungskriege mit Gut und Blut für das neue Vaterland eingetreten waren. Nach wie vor hielt man sie mit verschwindend wenigen Ausnahmen von öffentlichen Ämtern fern; nach wie vor litten sie, die kein sichtbares Zeichen mehr trugen, unter dem unsicHt- ') Samt er, S. 11. 2) a. a. O. S. 15. I