Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 50 (1906)
- Issue
- Heft 2
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1906-01-01
- Page
- Seite 254 (sequence 5)
- Language
- German
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254 Besprechungen. des Judenviertels, sondern durch Teilung der bereits bestehenden Gebäude, und die städtischen Rechenmeister gaben hierzu nicht ungern die Erlaubnis, weil zwei, drei oder gar vier Häuser mehr Grundzins ׳einbrachten, als das eine, aus dem sie entstanden waren. Und als das noch nicht ausreichte, wurden allenthalben Hinterhäuser gebaut, den Dächern wurden sogenannte Zwerchhäuser aufgesetzt, Schuppen und Ställe verschwanden, jeder freie Winkel wurde ausgenützt, und fast wie New-Yorker Wolkenkratzer wuchsen jetzt die Häuser der Judenstaät in die Höhe. Und so kam, was kommen mußte. »Es mag wohl kein Ort in Deutschland sein, heißt es in einer Bittschrift der jüdischen Baumeister aus dem Jahre 1769, wo dem Schutzjuden der Genuß der freien Luft und der reinen Straße so eingeschränkt ’wird, als uns.« Die Maler fanden zwar das Ghetto sehr pittoresk, »nicht leicht, sagt einer von ihnen, wird man mehr malerisches Eiement an einer Stelle zusammengedrängt finden, als es hier der Fall gewesen«, aber die Juden schätzten diese Sorte von Romantik weni- .ger hoch ein, denn sie litten schwer unter den heillosen sanitären Verhältnissen. »Die mehrsten Juden, berichtet ein Reisewerk aus dem 18. Jahrhunderts »sehen wie herumwandelnde Tote aus. Es wäre nicht 'verspotten, lieber den Rat anklagen sollen, denn dieser wies die unaufhörlichen Eingaben der Juden um Besserung der schandbaren Zustände regelmäßig ab, oft mit den seltsamsten Gründen. So sollte das Wasser der »Antauchen« beim Löschen von Bränden besonders wirkungsvoll sein, ja im Jahre 1745 macht der Rat sogar geltend, in den Häusern mit übermauerten Gruben laufe das Silber mehr an, .־als in denen mit offenen. Es fehlt also auch in diesen düsteren Jahrhunderten nicht an Stoff für den Humoristen. So lebten die Juden in Frankfurt eng zusammengedrängt auf schmalem Raum; aber nicht die Mauern allein schieden sie von der übrigen Bevölkerung, die Trennung der Bekenntnisse ging im 18. Jahrhundert noch viel tiefer als heute. Als im Jahre 1711 ein großer Brand die Judenstadt völlig in Asche legte, erhielt er den Hamen Judenbrand, und zehn Jahre hindurch mußten die Juden es sich gefallen lassen, in allen Predigten als die sichtbaren Ziele von Gottes Zorn hingestellt zu werden. Und dabei waren sie die letzten, die eine solche Kennzeichnung verdienten. Kracauer berichtet »Den Zeitgenossen fiel die Ergebung und die »stille Geduld« auf, mit der die Juden ihr Schicksal (den großen Brand) ertrugen. Kein Murren, kein Klageton ward aus ihrem Munde vernommen; durch Besserung ihres Wandels, größere Mildtätigkeit gegen die Armen, suchten sie die vermeintlich verscherzte Gnade wieder zu erlangen.« Der alte Judenfeind Schudt stellte sie deshalb als Muster für die Christen hin.