Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 50 (1906)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Zwei Bücher über das Wesen des Judentums [Rezension]
- Date
- 1906-01-01
- Page
- Seite 144 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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144 Zwei Bücher über das Wesen des Judentums. Eifer wider die Sünde zeigt, ja daß die unendliche Liebe Gottes ihre Ergänzung findet in diesem eifervollen Zürnen; denn unser Leben, das nur durch Gott seinen ewigen Wert hat, ist doch ohne menschliche Tugend wertlos und gottlos1). Hier zeigt sich auch der Optimismus der israelitischen Religion, der Glaube an den Sinn des Lebens, das an sich Andacht und Aufgabe ist, dem die Sehnsucht nach Gott das Gepräge gibt, und das seinen Frieden in Gott findet. Über das ganze Dasein ist die Weihe gebreitet, die von dem Gebete ausgeht, die den Sabbat durchstrahlt und die Feiertage zu dem heiligen Bande macht, das unser Leben zusammenfaßt; das ganze Dasein ist erfüllt von der Ethik, die ohne den Gottesbegriff nicht bestehen könnte, und die bis zum heutigen Tage den Maßstab für die seelische Zugehörigkeit zum Judentum abgibt. Die so gekennzeichnete ethische Anschauungsweise führt aber auch zu dem Glauben an den Menschen, der im Ebenbilde Gottes geschaffen ist. Das Judentum kennt keine Kaste. Jeder Mensch ist das Kind Gottes und besitzt als solches den edelsten Adel. Dem Glauben an den einen Gott entspricht die einheitliche Menschheit, der Lehre von der Gottähnlichkeit der unvergleichliche Wert jeder Menschenseele. Darum wird auch Respekt vor jedem — mag erreich oder arm, mächtig oder gering sein — gefordert und Vertrauen zu allen; denn der Mensch ist das Ebenbild Gottes, und »darin ist die Summe der Thora enthalten«. Darin ist aber auch die Aufgabe gestellt: Du bist göttlich, also bewähre dich als göttlich2); sei ein Genie auf sittlichem Gebiete, eine Aufgabe, die zwar die Ehrfurcht des Menschen vor sich selber hervorruft, aber mit unseren endlichen Können niemals vollkommen gelöst wird. Der Kontrast zwischen dieser seiner Unzulänglichkeit und seiner Bedeutung tritt noch schärfer hervor durch ») a. a. O. S. 86. ־) a. a. O. S. 95.