Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 49 (1905)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Esther
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 522 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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522 Esther. umfangreichen talmudischen Schrifttum gänzlich übergangen sein sollte. Und sie ist es in der Tat nicht. Wir haben oben mit Sicherheit festgestellt, dass das Estherbuch in sämtlichen Kreisen der altjüdischen Gesetzes-!ehrer, auch da wo ihm die Kanonizität abgesprochen wurde, als authentisch und historisch galt. Sehen wir nun einmal näher zu, wie man in diesen Kreisen die Einzelereignisse, besonders das Vorgehen der jüdischen Helden in diesem Buche, von religiösem und sittlichem Standpunkte aus beurteilt hat. Betrachten wir zunächst den ersten und verhängnisvollsten Schritt des Juden Mordechai, der dieses ganze traurige Ereignis zur Folge hatte. Welche rechtfertigende Erklärung findet man für dieses Verhalten? Die am weitesten verbreitete Ansicht geht dahin, Mordechai habe es als Jude für verboten erachtet, vor einem Menschen das Knie zu beugen. Man wollte als analogen Fall die Weigerung der Freunde Daniels, sich vor dem Götzenbilde zu bücken, heranziehen« Allein hierbei handelt es sich um direkten Götzendienst, während Mordechai der Person des Ministers den vom König befohlenen Tribut der Verehrung versagte. Ferner hatten jene Männer nicht zu befürchten, durch ihre Standhaftigkeit ein Unheil über ihr Volk heraufzubeschwören, da ja nur die Zuwiderhandelnden mit Todesstrafe bedroht waren, während Mordechai auch dann noch die Ehrenbezeugung unterliess, als er erfahren hatte, dass die durch sein Verhalten erregte Wut Hamans die Gesamtheit Israels dem Untergange weihen sollte (Esther 4, 7—9 und 5, 9—13). Die ausschmückende Erzählung des Midrasch, wonach Haman Embleme des Götzendienstes an sich getragen habe, zeigt nur, dass auch dem Midrasch das Verhalten Mordechais unbegreiflich erschien, und dass er es für notwendig erachtete, eine Rechtfertigung dafür zu suchen. Diese haggadische Deutung steht übrigens ganz vereinzelt da. Auch die Targumim wissen nichts davon.