Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 49 (1905)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Hermann Gohens Ethik
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 401 (sequence 17)
- Language
- German
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Hermann Cohens Ethik. 401 als die Geschichte der Menschheit, das ist das Problem des prophetischen Messianismus. Hier auf Erden soll Friede werden unter den Menschen, unter den Völkern. Die Schwerter sollen umgeschmiedet werden in Winzermesser. Dieser unversöhnliche Gegensatz zu dem, was die Historie Weltpolitik nennt, liegt im prophetischen Messianismus, und darum liegt in ihm eine sittliche Urkraft; die gewaltigste Idee, welche die Ethik aus einem der philosophischen Methodik fremden Gebiete zu entlehnen und aufzunehmen hat; das lehrreichste Beispiel für den unlöslichen historisehen Zusammenhang zwischen Ethik und Religion.« Diesen messianischen Begriff der Ewigkeit hat die Ethik aufzunehmen, indem sie freilich den Gedanken der vollendeten und abgeschlossenen Sittlichkeit, wie er in den poetischen Bildern vom Weltfrieden sich offenbart, umgestaltet zu dem Gedanken des ewigen sittlichen Fortschrittes, des ewigen Fortganges der sittlichen Arbeit. Um das Verhältnis der Sittlichkeit zum Sein endgültig zu bezeichnen, wird ihr das Sein des Ideals zugesprochen, welches das Muster der Vollkommenheit bedeutet, das in allen einzelnen Stufen der sittlichen Vervollkommnung sich vollzieht, dem aber doch keines seiner Erzeugnisse voll gerecht zu werden vermag, das in keiner dieser Stufen zu voller Verwirklichung gelangt. Die Frage der Wirklichkeit ist jedoch für die Sittlichkeit noch in anderem Sinne zu stellen. So sehr auch die Reinheit der Ethik davon bedingt ist, dass ihre Grundbegriffe in völliger Unabhängigkeit von aller Erfahrung erzeugt werden, so ist doch ihr Wert davon abhängig, dass ihre Gebilde auf die Erfahrung anwendbar sind. Insofern ist der natürliche Mensch die Bedingung für die Anwend־ barkeit der Methode der Reinheit. Demgemäss ist das Dasein des natürlichen Menschen und somit auch der Bestand der Natur die Voraussetzung der Ethik, und gegenüber den Anfechtungen, denen der Bestand der Natur von seiten des populären Idealismus ausgesetzt ist, fordert dringender Monatsschrift, 49. Jahrgang. 26