Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 49 (1905)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Hermann Gohens Ethik
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 394 (sequence 10)
- Language
- German
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394 Hermann Cohens Ethik. heitsgedankens bilde. Diese Auffassung der Freiheit lässt sie aufgehen in der Autonomie. Allein die Autonomie erschöpft sich nicht in dieser Bedeutung des Selbstzweckes des Menschen. Sie ist nicht nur Richtschnur für die Behandlung des Anderen, sondern sie bezieht sich vor allem auf die sittliche Selbstbeurteilung des Menschen, auf seine Selbständigkeit in der Verwirklichung des Sittengesetzes. Cohen zerlegt die Autonomie in verschiedene einzelne Bedeutungen, in denen er sie wesentlich über den von Kant eingenommenen Standpunkt erweitert. Die erste und grundlegende Bedeutung der Autonomie aber ist die kantische der Selbstgesetzgebung. Auch hier jedoch vollzieht sich eine bedeutsame Umgestaltung des kantischen Oedankens. Für Kant bedeutet die Selbstgesetzgebung nur den Ursprung des sittlichen Gesetzes aus dem Selbst, das gleichsam als schon vorhanden gedacht wird. Das Selbst jedoch als sittliche Persönlichkeit ist nicht als gegeben zu denken, vielmehr ist es die höchste Aufgabe, die von der sittlichen Arbeit zu erfüllen ist. Das sittliche Gesetz erst soll das Selbst erzeugen. So bedeutet die Selbstgesetzgebung nicht etwa Gesetzgebung aus dem Selbst, sondern zum Selbst. Zu seiner vollen Prägnanz aber gelangt der Begriff der Selbstgesetzgebung erst in dem Gedanken, dass in der Gesetzgebung das Selbst sich zu vollziehen hat, dass nur in der Gesetzgebung das Selbst zur Erzeugung kommen kann. An diesem Punkte wird die Frage nach der Beziehung von Sittlichkeit und Religion unabwendbar. So möge hier die Stellung Cohens zu dieser Frage im Zusammenhänge erörtert werden. Es bedarf keiner Erwähnung, dass er der geschichtlichen Bedeutung der Religion für die Entwicklung der Sittlichkeit im weitesten Masse gerecht wird. Schon die Ehrfurcht vor den grossen Erscheinungen der Weltgeschichte bestimmt ihn, der Religion die ihr gebührende Stellung für die Entwicklung der sittlichen Grundbegriffe zuzuweisen. Das Streben nach dem Zusammenhänge mit den