Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 49 (1905)
- Issue
- Heft 3
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 362 (sequence 2)
- Language
- German
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362 Besprechungen. in selbständiger Untersuchung, in* der er eine sichere Basis für seine noch der Prüfung harrenden Ansichten gewinnen will, sondern im Zusammenhang seines Systems. So erscheint bei ihm die Erkenntnistheorie nicht als Grundlage, sondern als Konsequenz seiner Lehre. Den kritischen Einwand, dass unsere Sinneswahrnehmungen uns kein objektives Bild der Welt liefern, erledigt er mit folgenden Worten: »Die so reden, wissen nicht, was ein Sinn, und wissen nicht, was eine Welt ist. Diese Sinne gehören in gleicherweise zur Welt, wie diese Welt zu diesen Sinnen gehört. Beide sind einander so vollkommen adaptiert und konformiert, dass eines vom anderen ein völlig untrügliches und wahrheitsgemässes Zeugnis ablegem kann. Die Welt ist zum Sinn, der Sinn zur Welt geworden. Wer nur die Entstehungs- und Entwickelungsgeschichte der Sinne betrachtet, der wird bald erkennen, dass ein solcher Sinn das Organ ist, welches die zu Bewusstsein aufstrebende Welt sich geschaffen und durch stete Einwirkung und Verkehrschaft (!) sich ausgebildet hat, gleichsam als ein Spiegel, worin die Welt sich selbst beschaut.« Der in dem letzten Satz versuchte Beweis für die Richtigkeit seines naivrealistisehen Standpunktes bedarf kaum der Widerlegung. Gerade die entwickelungsgeschichtliche Betrachtungsweise, auf die sich Rülf beruft, lässt uns in den Sinnesorganen nicht »Spiegel« erblicken, in denen »die Welt sich beschaut,« sondern Orientierungsmittel, die der Erhaltung des Organismus dienen. Sie signalisieren dem Lebewesen Nützliches oder Schädliches, dienen also nicht zur Feststellung der objektiven Beschaffenheit der Wirklichkeit, sondern ihrer Relation 'zum wahrnehmenden Subjekt. Von dem verfehlten Beweis aber abgesehen, ist dem Standpunkt des Verfassers mit Argumenten wohl nicht beizukommen. Nur kann man verlangen, dass er dem Kritizismus dieselbe Berechtigung und Dignität züerkenne; das aber geschieht nicht, wie aus den zitierten Worten zu ersehen ist. Dieser Vorwurf wiegt um so schwerer, als die Subjektivität der Anschauung bei dem positiven Charakter seiner Behauptung viel stärker hervortritt als beim Kritizismus, der sich jeder bestimmten Aussage über die Beschaffenheit der Welt enthält. Derselbe Mangel an kritischer Besonnenheit verrät sich bei der Entwickelung seiner Grundansicht von dem Wesen der Welt. Rülf vertritt einen absolut durchgeführten Monismus. Kraft und Stoff, Körper und Geist sind Eins und die Einheit, in der alle Gegensätze aufgehoben sind, ist die Kraft. »Alles Sein ist lediglich Wesen und Verwirklichung der Allkraft.« Man kann verwundert fragen, was denn eigentlich am Monismus so anziehend ist, dass die verschiedensten Denker von den mannigfachsten Standpunkten aus zu ihm hinstreben. Er befriedigt zwar das Einheitsbedürfnis unseres