Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 49 (1905)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Der märkische Hostienschändungsprozess vom Jahre 1510
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 289 (sequence 4)
- Language
- German
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Der märkische Hostienschändungsprozess vom Jahre 1510. 289 Gegenüber den mannigfachen vorurteilsvollen Dar- Stellungen, welche der Prozess in einzelnen Geschichtswerken erfahren hat1), wirken die folgenden Worte, in denen Hofrat L. Schneider, der bekannte Vorleser Kaiser Wilheims I., jene Vorgänge würdigt, wahrhafterfrischend:2) »Man kann sich eines Schauders nicht erwehren, wenn man die Beschreibung dieser Prozedur in den schlichten Worten des alten Chronisten Angelus liest: Dieser fürchterliche Hohn weitläufiger Formalitäten den unglücklichen, von der Folter zur Verzweiflung getriebenen Juden gegenüber;1 diese fanatische Gier nach dem Blute Andersglaubender, Andersdenkender, denen man die unglaublichsten, abenteuerlichsten Dinge aufbürdete und sich dazu berechtigt glaubte, nur weil sie keine Christen waren. Gott sei Dank, diese Zeiten sind vorüber, lange vorüber, und wahrlich, nicht eben so vieler Jahre wird es bedürfen, um auch die letzten Schlacken ungerechter Vorurteile abzustreife n3). Wie urteilen wir heute über das, was die Juden vor 863 Jahren an k ö r p e rliehen Qualen erdulden mussten, und wie werden unsere Nachkommen über das urteilen, was sie in späterer Zeit an Vorwürfen, Zurücksetzungen und Anschuldigungen geistig ertrugen? Aber sie haben auch Worte des war Ratsherr in Wollin. Keiner seiner Biographen erwähnt auch nur andeutungsweise eine eventuelle jüdische Abstammung. (Vgl. Bellermann: Das Leben des Johann Bugenhagen, Vogt: Bugenhagen, Zitz:!aff: Joh. Bugenhagen). *) Das Tollste hierin leistet die total antisemitische Schrift von Wyking: Die Juden Berlins. Aber auch Holtze ist, wie wir sahen, nicht ganz vorurteilslos. 2) Schriften des Vereins fiir die Geschichte der Stadt Berlin? Heft VIII, S. 19. 3) Diese Worte sind im Jahre 1873 geschrieben. Hätte der edle Schreiber die ersten Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts erlebt, wie bitter hätte er sich in seinen Erwartungen getäuscht gesehen l Monatsschrift, 49. Jahrgang. 19