Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 48 (1904)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1904)
- Article
- Die Juden des Mittelalters in ihrer wirtschaftlichen Betätigung
- Date
- 1904-09-01
- Page
- Seite 602 (sequence 27)
- Language
- German
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602 Die Juden des Mittelalters in ihrer wirtschaftl. Betätigung. widersinnige Verbote entgegensetzte. Aus dem Geist des kanonischen Rechts ist die spätmittelalterliche Wirtschafts- Ordnung hervorgegangen, die man sehr zu Unrecht als die specifisch deutschnationale anzusehen pflegt. Denn von aussen aufgedrängt ist dem deutschen Volke das romanistisch-kanonische Recht worden, wie die Kirchenverfassung, in der es wurzelt. Die Päpste bei ihrem Triumph über die Kaiser brachten zu Stande, was Varus mit seinen Legionen nicht vermocht hatte. Der wirtschaftliche Niedergang Deutschlands im 16. und 17. Jahrhundert steht in engstem Zusammenhang mit jener Ethik, die individuelles Streben nach ökonomischer Verbesserung als schnöde Gewinnsucht brandmarkt und so den Fortschritt der Allgemeinheit hintanhält. Während die Deutschen mit Feder und Schwert über die beste Art den Himmel zu gewinnen stritten, haben andere Völker die Erde geteilt. Als ausländische Waren das Land überschwemmten, und dem am Hergebrachten klebenden Handwerker die höchsten Zunftschranken kaum ein spärliches Auskommen sicherten, damals, im 17. Jahrhundert, seufzte Deutschland unter dem joch fremder Handelsherrschaft, aber nicht im frühen Mittelalter, als die alt-ansässigen Juden, die nur dem Kirchenrecht als Fremde galten, Traditionen antiken Wirtschaftslebens ihren Landsleuten vermittelten. In der wirtschaftlichen Betätigung der deutschen Juden hat etwa mit dem Ende des 15. Jahrhunderts eine neue Epoche begonnen. Verarmt durch die unablässigen Verfolgungen, vom Geldgeschäft im Grossen zurückgedrängt, in die Landstädte und Dörfer hinausgewiesen, sanken sie zu Pfandleihern herab, die Kleinbürger und Bauern auswucherten. Indem sie nun aber bei der geringen Ergiebigkeit dieses elenden Berufes wieder dem Waarenhandel sich zuwandten, fanden sie den Zugang versperrt durch die inzwischen zu voller Ausbildung gelangte gewerbliche Organisation. Es ist eine merkwürdige Erscheinung, wie