Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 48 (1904)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1904)
- Article
- Heinrich Graetz
- Date
- 1904-07-01
- Page
- Seite 501 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Heinrich Graetz, ein Lebensbild. 501 seiner Söhne, der eine ausserordentliche Professur der Physik an der Münchener Universität inne hatte, zu besuchen und dann mit dessen Familie noch einige Zeit im Bade Reichenhall der Ruhe zu pflegen. Kurz vor der geplanten Abreise nach München befiel ihn in Karlsbad, wo er sich nicht schonte, eine tiefe Ohnmacht, so dass die Ärzte seine Frau dringend zur Rückreise nach Breslau mahnten. Er jedoch hielt diese Vorsicht für übertrieben, erklärte sich wohl schliesslich zur Heimkehr bereit, nur die Reise nach München wollte er nicht aufgeben. Daselbst angekommen, wurde er in der Behausung seines Sohnes am Abend vom 6. auf den 7. September von einer heftigen Kolik angefallen. Dieselbe wurde vom Arzt durch Opium beruhigt, so dass er bald hernach zu Schlaf kam. Als seine Frau früh am Morgen sein Befinden beobachten wollte, fand sie ihn leblos im Bette vor, ein Herzschlag hatte in der Nacht zum 7. September 1891 seinem arbeitsvollen und erfolgreichen Leben, ein immer noch allzufrühes Ziel gesetzt. Die Leiche wurde nach Breslau überführt und drei Tage später auf dem dortigen Friedhof unter zahlreicher Beteiligung seiner Schüler und allgemeiner Teilnahme zur letzten Ruhe bestattet. Die Gattin, welche nur noch dem Andenken ihres hochgefeierten Mannes lebte1), hat es als eine Ehrenschuld ג) Marie, geb. Monasch aus Krotoschin, verstarb am Abend des 31. Mai 1900. Eine stattliche, schlanke Figur, mit angenehmen Äusseren und von gemessenem, zurückhaltenden Wesen, verband sie Freundlichlceit und Takt und verstand es, auch dem freundschaftlichen Verkehr einen gewissen feierlichen Anstrich zu geben. Uber dem Verhältnis zu ihrem Gatten schwebte bis zum letzten Tage eine Art bräutlichen Schimmers. Infolge des Alters hatten in der letzten Zeit ihre körperlichen und geistigen Kräfte nachzulassen begonnen. Da war es rührend zu sehen, wie ihre Züge, sobald die Rede auf ihren verstorbenen Gatten kam oder es sich um dessen Schriften handelte, sich alsdann belebten, sie an der Unterhaltung oder Verhandlung vollen Anteil nahm und ihre Geisteskräfte nichts zu wünschen Hessen.