Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 48 (1904)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1904)
- Article
- Heinrich Graetz
- Date
- 1904-07-01
- Page
- Seite 499 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Heinrich Graetz. Ein Lebensbild. 499 wollten. In der Tat brachen manchmal spitze Sarkasmen über das Gehege seiner Zähne hervor, im Allgemeinen indess blieb die mündliche Unterhaltung weit hinter den Erwartungen zurück, welche seine Feder erregt hatte. Zu glücklicher Stunde war er in jüngeren Jahren für den häuslieh vertrauten Kreis voll scherzhafter Worte und lustiger Einfälle, immer aber beseelte ihn eine unbesiegbare Lebenslust und ein glücklicher Optimismus. Inniger Familiensinn beherrschte ihn. Gegen seine Frau bewies er jedezeit eine Zartheit und Aufmerksamkeit, als ständen sie in den Flitterwochen, gegen seine Tochter übte er eine vollendete Ritterlichkeit, gegen seine Söhne war er von hingebender Nachsicht und Opferfähigkeit, sein Verhalten dem greisen Varer gegenüber erinnerte geradezu an die talmudischantike Pietät. Mit grosser Vorliebe pflegte er seine freundschaftlichen Verhältnisse. Für einen Freund, wie überhaupt für jede Sache, die seine Sympathie besass, war er jederzeit bereit, voll und ganz einzustehen. Aus Palästina hatte er, von den dortigen Übelständen tief bewegt, den Plan zur Erziehung jüdischer Waisen in Jerusalem auf deutscher Grundlage mitgebracht; zusammen mit seinen Reisegenossen stiftete er einen Verein und bot Alles auf, um hiefür einen festen, wenn auch kleinen Grundfond zu beschaffen. Zu diesem Zwecke unternahm er allerlei Reisen, hielt, so sehr ihm derartiges anfangs widerstrebte, in vielen Städten Vorträge und ging sogar auf eine Einladung nach Galizien, wo er allerdings mit grossem Jubel empfangen und mit schmeichelhaften Huldigungen überhäuft wurde. Von solehern Erfolg gehoben, ruhte er nicht eher, bis diesem Verein, der noch heute segensreich wirkt, eine gesicherte, wenn auch bescheidene Unterlage bereitet war. Rüstig und frisch, wie er sich fühlte, hatte er in seinen letzten Lebensjahren sich noch eine grosse Aufgabe gestellt, in der er das Fazit seiner bibelkritischen und exegetischen Studien ziehen wollte, für deren Ausführung er von 32*