Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 48 (1904)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1904)
- Article
- Heinrich Graetz
- Date
- 1904-07-01
- Page
- Seite 495 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Heinrich Oraetz. Ein Lebensbild. 495■. unterschätzt haben, keinesfalls waren sie über die Mittel sich klar, um der immer höher anschwellenden Flut zu begegnen; die Ausfälle Treitschkes wollte man jedoch, nicht unerwidert lassen, weil man in ihnen mehr als blos die Auslassungen eines Professors zu vermuten Grund hatte. Daraufhin liess der als nationalökonomischer Schriftsteiler bekannte, als lauterer und edler Charakter hochgeschätzte H. B. Oppenheim sich verleiten, auf die herausfordernden Inkriminationen Treitschkes ohne weitere Prüfung Graetz, dessen Schriften er eingestandenermassen gar nicht recht gelesen hatte, über Bord zu werfen und ihn. >: als einen taktlosen und zelotisch einseitigen Mann, dessen grosse Gelehrsamkeit durch die Absurdität seiner Nutzanwendungen um ihren ganzen Segen gebracht wird,« abzutun1). Diese eigentümliche Verteidigungsweise des Judentums hatte einen geradezu tragikomischen Eindruck gemacht und hatte zwar niemanden tief aufgeregt, aber sie erwies sich als symptomatisch für die Gesinnung und Denkweise der geistigen Notabilitäten der damaligen Berliner Judenschaft. Eine Verkennung und Unterschätzung der Bedeutung, die Graetz als Historiker unstreitig gewonnen hatte, trat dann auch in bedauerlichem Masse zu Tage, als bei der Bildüng der vom deutsch-israelitischen Gemeindebund ins Leben gerufenen historischen Kommission zur Herausgabe von Quellen der Geschichte der Juden in Deutschland (1885) gerade Graetz übergangen und völlig ignoriert wurde. Den verdientesten Historiker, den das Judentum zur Zeit aufzuweisen hatte, durfte man nicht schlechtweg ausschliessen; man durfte nicht vergessen, dass Graetz auf diesem Arbeitsfeld jedenfalls am meisten heimisch war, und. dass er besser und genauer als jeder andere alle Probleme und Desiderien, die in Betracht kamen, kannte. Wenn auch die Kommission aus hochangesehenen Gelehrten zusammengesetzt war, so *) Die Gegenwart, von Lindau, 1880 Bd. 17. S. 18 ff.