Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 48 (1904)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1904)
- Article
- Heinrich Graetz
- Date
- 1904-06-01
- Page
- Seite 355 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Heinrich Graetz, ein Lebensbild. 355 extremer Richtungen nach rechts wie nach links konnten sich nicht genug tun, ihm im Einzelnen allerlei Verstösse und Irrtümer nachzuweisen, ohne zu ahnen, dass sie ihn dabei grösstenteils mit seinem eigenen Fett beträufelten, und ohne zu begreifen, dass ein solches Monumentalwerk sich der kleinen Flecken und Verbildungen gar nicht erwehren könne. Mit seinem einstigen Lehrer Samson Raphael Hirsch war es darüber zu einem vollständigen Bruch gekommen. Derselbe war von Nikolsburg nach Frankfurt a. M. als Rabbiner einer kleinen, jedoch opferfähigen, für ihn begeisterten Privatgemeinde übergesiedelt und bald darauf mit einer Monatschrift »Jeschurun« hervorgetreten. Mit Ieidenschaftlieher Heftigkeit fällt er im zweiten und dritten Jahrgang über die beiden von Graetz veröffentlichten Geschichtsbände her, um über die Irrlehren des Verfassers ein vernichtendes Glaubensgericht abzuhalten, eine gewisse Verbitterung lässt sich dabei nicht verkennen, die Kritik mag wohl noch mehr als dem Buch dem jüdisch theologischen Seminar zu Breslau gegolten haben. So gleichgiltig Graetz jeden Ausfall gegen seine Person hinnahm, den er freilich mit kurzem und scharfen Worten heimzuzahlen pflegte, die Befehdung der jungen Lehranstalt war etwas, was er nie verziehen hat, und so wurden auch die letzten losen Fäden, welche diese beiden Männer bisher doch noch verbunden, für immer zerrissen. Im Uebrigen liess sich seine arbeitsfrische, lebensfrohe Natur von alle dem nichts anfechten, auch der durchschlagende Erfolg seiner Schriften wurde dadurch nicht im mindesten aufgehalten. Mit besonderer Genugtuung erfüllte ihn die Auszeichnung, als er im Dezember 1869 von der preussischen Regierung zum Honorarprofessor an der Breslauer Universität ernannt wurde; der schwache Punkt seines Lebens, gegen den seine heimischen Gegner ihre Pfeile mit Vorliebe richteten, der Mangel an einem zunftmässigen Stufengang 23*