Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 48 (1904)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1904)
- Article
- Heinrich Graetz
- Date
- 1904-06-01
- Page
- Seite 347 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2829132-2829776-2829783-2885396--32872-2885439- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Heinrich Graetz. Ein Lebensbild. 347 dienst entsprechend, nach Gebühr von unseren Glaubensgenossen gewürdigt sind, bereits ihre trefflichen, grundlegenden Vorarbeiten gefördert; weite Strecken waren wohl von ihnen erfolgreich aufgeschlossen und fruchtbar ge• macht worden, dieselben glichen jedoch nur kleinen oder grösseren Inseln in dem wüsten Schuttmeer, sie boten keinen Überblick über das Ganze, reichten nur selten über das litterarische Gebiet hinaus und führten nicht zu den das Gesamtgebiet beherrschenden Knotenpunkten. Hierin hat sich Graetz vornehmlich als Pfadfinder betätigt. Welche Zeit er auch behandelt, wie sehr er den Einzelheiten auf den Grund zu gehen sucht, sein Blick bleibt unverwandt auf das Ganze gerichtet, allenthalben will er durch das wild wuchernde Buschwerk einen Weg schlagen, oder aus den umher verstreuten Splitterstücken und ihren Bruchflächen die Adern und Linien erkennen, an denen sich die wesentliche Richtung und der Verlauf des historischen Prozesses verfolgen lässt. Durch die Energie, mit der er grosse Gedankenmassen fast spielend zu bewältigen und zu gruppiren versteht, durch die Klarheit, mit der er in seinen gelehrten Exkursen das Für und Wider disparater Berichte, Belege und Indizien einander gegenüberstellt, um dann mit geschickter Hand den leitenden Faden aus dem vferknäuelten Durcheinander herauszugreifen und festzuhalten, durch die Entschiedenheit, mit der er, auch auf die Gefahr zu irren, zu allen Ereignissen und Personlichkeiten scharf Stellung nimmt und seiner Stellungnahme einen unumwundenen, kräftigen Ausdruck gibt, ist es ihm gelungen, in das öde und wirre Chaos des geschichtlichen Stoffes Licht und Uebersichtlichkeit, Ordnung und System zu bringen. Man vergleiche einmal die Betrachtungen, welche er als »Einleitung« einzelnen Teilen seines Werkes, wie dem 4., 5., 7. vorausgeschickt, um den glücklichen Blick zu würdigen, mit dem er die treibenden Ideen und die orientirenden Punkte herauszuheben und zu fixieren