Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 48 (1904)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1904)
- Article
- Heinrich Graetz
- Date
- 1904-05-01
- Page
- Seite 314 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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314 Heinrich Oraetz. Ein Lebensbild. gen Bedenken und Rücksichten war Graetz durchaus frei, irgendwelche Furcht oder Scheu hat zur Bildung seines Urteils und seiner Anschauung niemals mitgewirkt, und hat ihn ebenso wenig gehindert, unbekümmert ob er bei Freund oder Feind damit anstösst, sich in seinem vollen Empfinden auszusprechen. Er war der erste moderne Schriftsteller, der bei der Würdigung der jüdischen Ver־ gangenheit mit dem Standpunkt der christlichen Anschau־ ung ganz und gar gebrochen hat, er hat es zuerst versucht, die Entwicklung des Judentums, wie es ja bei jeder anderen Erscheinung geschieht, aus sich selbst heraus zu begreifen und von diesem Gesichtspunkt aus, ohne Schön־ färberei zu treiben, Licht und Schatten gleichmässig dar־ zulegen. Es war erst kurze Zeit, dass Graetz in Berlin sich aufhielt, als er im Hause von Michael Sachs mit Zunz zusammen traf. Der Hausherr stellte die beiden Männer, die sich persönlich noch nicht kannten, einander vor und bemerkte zum Lobe von Graetz, dass derselbe eben im Begriff sei, eine jüdische Geschichte zu veröffentliehen. »Wieder eine Geschichte der Juden?« fragte Zunz spitz* 1). »Allerdings« replizirte Graetz scharf »aber dieses Mal eine jüdische Geschichte!« ln der Tat war Graetz der Erste, welcher der jüdischen Geschichte das ihr gebührende Recht wiederzugewinnen suchte und den Stand־ punkt der jüdischen Anschauung geltend machte. Die christliche Anschauung erblickt nämlich die Vollendung und den Abschluss der Lehre Moses und der prophetischen Verkündigungen in dem Glauben an die Messianität des Ton nicht beibehalten, sondern sich mehr auf den von Graetz eingenommenen Standpunkt gestellt. 1) Zunz hielt nicht nur jede Geschichtsdarstellung des Judentutns damals für verfrüht, er hatte bei seiner Aeusserung wohl ein 1846 erschienenes Machwerk ״Geschichte der Israeliten“ von Dr. J, H. Dessauer, im Auge; in der zwar sehr verblümten Anspielung auf dieses unbedeutende Buch lag wahrscheinlich der verletzende Stachel.