Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 48 (1904)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1904)
- Article
- Heinrich Graetz
- Date
- 1904-05-01
- Page
- Seite 313 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2829132-2829776-2829782-2885311--32826-2885383- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Heinrich Qraetz. Ein Lebensbild. 313 nisse für die Förderung der jüdischen Geschichtsschreibung viel getan, aber er hat keine geschichtlichen Offenbarungen empfangen, auch nicht solche durch frohes, kräftiges Auftun seines Mundes weiter verkündet. Bei dem gänzlichen Mangel an Vorarbeiten und Spezialforschungen war es zu jener Zeit schon eine nicht hoch genug anzuschlagende Leistung und ein grosses Verdienst, dass Jost die mehr oder minder offen zu Tage liegenden, jedoch überaus zerstreuten Daten aufgesucht und zusammengetragen hat, dass er ihren Inhalt zu erforschen und durch Vergleichung richtig zu stellen suchte, und dadurch doch ein Handbuch für das Chaos von verwirrenden Einzelheiten und Tatsachen lieferte. Seine Geschichtsdarstellung erscheint jedoch wie eine Art Herbarium, eine aufgespeicherte Sammlung von Personen und Vorkommnissen, welche durch keinen höheren Pragmatismus aneinander geknüpft, nur nach äusserlichen, oberflächlichen Gesichtspunkten klassifiziert werden. Die Reflexion ist nüchtern und dringt nicht in die Tiefe, der Styl trocken, umständlich und eintönig, ohne Feuer und Kraft. Von einer lebendigen Vergegenwärtigung der Vergangenheit ist nichts zu spüren. Voller Verehrung für das Rörnertum, von christlichen Anschauungen durchsetzt, ist er unbewusst in der innerlichen Scheu befangen, nicht auf der Höhe des Zeitbewusstseins zu stehen, und fürchtet, des Mangels an Objektivität geziehen, zu werden, wenn er dem Judentum und dem Rabbinismus vollauf gerecht werden soll; daraus fliesst seine Verkennung der Pharisäer und ihrer Nachfolger, der Rabbinen, wie seine schiefe, fast karikaturenhafte Behandlung des Talmud und des dazu gehörigen Schrifttums. Er fühlte, dass schon die blosse historische Betrachtung des Judentums zu dessen Glorifizierung wurde, aber er wollte um keinen Preis als Apologet desselben gelten1). Von derart!- Jj In seinem letzten Geschichtswerk »Geschichte des Judentums und seiner Sekten« (3 Bände, 1857—59) hat Jost seinen alten