Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 48 (1904)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1904)
- Article
- Heinrich Graetz
- Date
- 1904-05-01
- Page
- Seite 315 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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Heinrich Graetz. Ein Lebensbild. 3!5 Gottmenschen und an die Wunder, die von seiner Geburt, seinem Tod und seiner Auferstehung berichtet werden; nur was auf diesem dogmatischen Glaubensboden wurzeit, könne sich zum richtigen Gottesbegriff, zu wahrer Sittlichkeit erheben und die Fortbildung der Civilisation fördern. Das Judentum habe demnach, indem es das Christentum aus sich herausgesetzt, seine religiöse Mission erschöpft, und mit dem fast gleichzeitigen Zusammenbruch seiner nationalen Selbstständigkeit sei seine geistige Bedeutung und sein geschichtliches Leben erloschen; was sich darüber hinaus fortspinnt, sei nichts weiter als Verkümmerung und Entartung, Thoravergötterung und religiöser Formalismus. Dieser von bewusster oder unbewusster Befangenheit getrübten Auffassung will Graetz eine wahrheitsgetreue Darstellung der Tatsachen, frei von jeder Tendenz, Geflissentlichkeit und Schönmalerei gegenüberstellen; es bedarf nach seiner Meinung nur einer objektiven, Vorurteilslosen Geschichtsbetrachtung, um die durch Not und Druck immer wieder hindurchbrechende Lebenskraft und den fortwirkenden Geistestrieb des Judentums zu erkennen, wie es unabhängig von seiner nationalen Existenz, getragen von der Macht seiner Innerlichkeit und Idealität den Ausbau seines monotheistischen Lehrbegriffs und sittlichen Gedankens fortsetzt, wie es trotz seiner unsäglichen Leiden Denker und Dichter, selbst Staatsmänner erzeugt, wie es, obwohl entwurzelt und zersplittert, an den Kulturaufgaben der Menschheit eifrig und erfolgreich mitgearbeitet hat. Der Standpunkt solcher Geschichtsbetrachtung ist von Graetz energisch aufgenommen und konsequent durchgeführt worden und damit der Boden bereitet, um die verschiedenen Seiten des Judentums in ihrer Fülle und Reichhaltigkeit zu Bewusstsein und Verständnis zu bringen. (Fortsetzung folgt).