Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 48 (1904)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1904)
- Article
- Heinrich Graetz
- Date
- 1904-05-01
- Page
- Seite 311 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Heinrich Graetz, ein Lebensbild. 311 innerer Gesetzmässigkeit zu begreifen und erkennbar zu machen. Für solche geschichtliche Erkenntnis muss der Historiker alsdann den adäquaten Ausdruck finden, seine Darstellung muss den hellgeschliffenen, klaren Spiegel bieten, welcher das bunte Spiel der wirr durcheinander laufenden Einzelheiten in scharf umrissenen, deutlich gruppierten Bildern reflektiert, welcher an den Persönlichkeiten und Begebenheiten die ihnen eigentümliche Bildung und Art, wie das Adergeflecht an der Hautfläche, wahrnehmbar durchschimmern lässt, so dass das wirkliche Leben, wie es ehedem in dem Geschehenen pulsierte, vor unseren Augen aufersteht, und indem es unseren Geist mit frischem, warmem Hauch berührt, unser Gemüt in seine Stimmungen und Spannungen hinüberzieht. Das sind die Vorzüge und Eigenschaften, durch welche Graetz das historische Meisterrecht sich erworben hat. Von ihnen zeugt jeder einzelne der zwölf umfassenden Bände seines Geschichtswerks, welches die mehr als drei Jahrtausende umspannende, über alle Erdteile sich erstreckende Geschichte des jüdischen Stammes von seinen Ursprüngen bis auf die neueste Zeit herab aufgehellt hat Damit ist jedoch das Mass dessen, was Graetz mit seinem Geschichtswerk geleistet hat, noch nicht erschöpft. Bei dem damaligen Stand der Einzelforschungen hielt man die Zeit noch gar nicht gekommen, um eine Geschichte der Juden mit Aussicht auf Erfolg schreiben zu können. Einem solchen Unternehmen schienen innere und äussere Schwierigkeiten, schier unübersteiglich, und noch dazu gewaltige Vorurteile entgegen zu stehen. Graetz achtete ihrer nicht. Ohne jede Unterstützung seitens einer Behörde oder irgend einer Körperschaft, rein und allein 03 us der überschwellenden Kraft des eigenen Genius hat er das anscheinend unausführbare Werk vollbracht. Er hat seinen Glaubensgenossen die Geschichte geschaffen und die allgemeinen Sympathien für die Vergangenheit des Judentums geweckt.