Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 48 (1904)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1904)
- Article
- Heinrich Graetz
- Date
- 1904-05-01
- Page
- Seite 310 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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310 Heinrich׳ Graetz. Ein Lebensbild. nur Korrektheit und eine dem Gegenstand angemessene Behandlung nicht vermissen lassen darf. Ein Weiteres und Höheres wird vom Historiker gefordert. Er muss stets das Ganze im Auge behalten, muss den geschichtlichen Stoff mit künstlerischer Gestaltungskraft zu durcHdringen und zu formen wissen und die verblasste Vergangenheit durch das schöpferische Wort wieder ns Leben zurück rufen. Dazu bedarf es vor allem der souveränen Beherrschung des vorliegenden Materials, des freien und sicheren Überblicks über alle Vorgänge des geschichtlichen Prozesses, um die verschiedenen Erscheinungen nach ihrer inneren Bedeutung und ihrer äusseren Kraftwirkung gebührend zu würdigen, um die charakteristischen und markanten Punkte herauszuheben und den Personen wie den Begebenheiten die richtige Stelle im Zusammenhang des Geschehens anzuweisen. Hinzutreten muss freilich ein tief in das Einzelne eindringender, intuitiver Scharfblick; denn es gilt nicht nur, die gegebenen Überlieferungen und Dokumente nach ihrer historischen Zuverlässigkeit kritisch zu durchdringen, sondern ebenso sehr, die unter der Oberfläche wesentlich wirkenden, Anstoss und Richtung erteilenden Kräfte und die den Lauf dieser Kräfte hemmenden oder steigernden oder ablenkenden Faktoren zu erkennen und herauszugreifen, wie man einen Hauptstrom mit seinen Zuflüssen und Abflüssen bestimmt, und hiernach die leitenden, dem Verlauf der Ereignisse sich folgerichtig anschliessenden Gesichtspunkte klar zu stellen. Ja, der echte Historiker muss eine hochentwickelte Intuition, eine Art Divinationsgabe besitzen, um wie »ein rückwärts gewandter Prophet« die Unzulänglichkeit und Lückenhaftigkeit des überlieferten Stoffes vorsichtig auszugleichen, durch die nachschaffende Phantasie mangelhafte Stücke hypothetisch zu rekonstruieren, und überall den Verlauf der Ereignisse von innen heraus, nicht als das Spiel äusserer Zufälligkeiten, sondern als das Werk