Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 48 (1904)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1904)
- Article
- Heinrich Graetz
- Date
- 1904-05-01
- Page
- Seite 308 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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308 Heinrich Graetz. Ein Lebensbild. Sätzen zu vermitteln und eine Mittelrichtung für die Anstält anzustreben. Obschon nun Frankel mit fester Hand das direktoriale Steuer führte, war er doch einsichtig und wohlwollend genug, auf klugen Rat zu hören und den Wünschen und Anschauungen seiner Mitarbeiter Rechnung zu tragen, so dass das Lehrerkollegium sich immerdar im besten Einvernehmen befand, was auch auf die Jünger wohltuend zurückwirkte. Neben Frankel, der mit Fug und Recht, so lange er lebte, amtlich und moralisch eine dominirende Stellung behauptete, der im Aufblühen der Anstalt den Ruhm seines Tagewerks sah, und da er kinderlos war, in seinen Schülern seine Kinder erblickte und sich ihrer aller wahrhaft väterlich annahm, war es Oraetz, der seine Räume seinen Hörern gastlich öffnete, jedem von ihnen, der bei ihm um Hülfe und Rat nachsuchte, bereit und willig zur Verfügung stand und namentlich zu Gunsten derer, die seine Sympathie besassen oder von deren Fähigkeit und Charakter er eine gute Meinung gefasst, mit der ganzen Lebhaftigkeit seines Temperaments sich einzusetzen liebte. Durch die Dozentur an dem Breslauer Seminar, mit dessen Interessen er sich ebenso wie Frankel identifiziert hatte, war er endlich nach vielen Querzügen und nach mancherlei Jahren von sorgenvoller Ungewissheit in das erwünschte Fahrwasser gekommen, indem er in voller Unabhängigkeit alle Segel seines geistigen Wesens aufspannen und mit aller Kraft sich hinter die Ruder legen konnte, um geschwellt von dem frohen, hoffnungsvollen Mut seiner sanguinischen Art, begünstigt von Wind und Flut, dorthin zu steuern, wohin ihn der Zug seiner Natur trieb. Jetzt fielen endlich äussere Amtspflicht und innere Berufsneigung für ihn zusammen; indem er den Dienst, für den er bestellt war, treu und eifrig besorgte, förderte er zugleich das Werk, das er als Lebensziel sich vorgesetzt