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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1904-05-01 · Heft 5 (Mai 1904) · p. Seite 304

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
48 (1904)
Issue
Heft 5 (Mai 1904)
Article
Heinrich Graetz
Date
1904-05-01
Page
Seite 304 (sequence 5)
Language
German
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304 Heinrich Graetz. Ein Lebensbild. den talmudischen Berichten vertrauend, den Römern die civilisatorische Mission in Asien abspricht und sie nament־ lieh für Vorderasien als Kultur zerstörend, Moral vergiftend schildert, so waren die Kritiker und Sachkundigen damals mit sich noch nicht im Klaren und wagten nicht zu ent־ scheiden, ob hier die Kühnheit einer genialen Originalität durchbricht, oder nur die Unmanier einer phantastischen Effekthascherei sich aufspielt, deren falscher Flitter die Probe der Zeit nicht bestehen würde. Es kam noch hinzu, dass die religiösen Parteien, welche unter den weiterschütternden Ereignisssen von 1848 und deren Nach- Wirkungen wohl den öffentlichen und lauten Streit ein־ gestellt, aber in der Schärfe ihres Gegensatzes innerlich nicht nachgelassen hatten, scheel und unbefriedigt auf ein Buch blickten, das nur der Wahrheit dienen wollte und für keine andere Tendenz sich verwerten liess. Die Anhänger der Reform warfen dem Verfasser vor, dass er den Tal־ mud und seine Lehrer nur zu glorifizieren wisse, hingegen den wundesten Punkt, dass sie »die Versteinerung und Verknöcherung des Judentums« verschuldet hätten, mit keiner Silbe berühre1), während die Stockorthodoxen darüber ungehalten waren, dass er die Träger der Tradition einer ihrer Anschauung nach unbefugten Kritik unter־ zieht und den traditionellen Lehrbegriff als das Produkt historischer Prozesse nachzuweisen sich bestrebt2). Darüber freilich gab es nur eine Stimme, dass die jüdische Wissenschaft in Graetz einen hervorragenden, vielverheissenden Forscher gewonnen habe und dass dieser über eine ganz staunenswerte Gelehrsamkeit und Origi־ nalität verfügte. Man konnte ihm die Anerkennung nicht versagen, dass er durch seine Beherrschung der beiden Talmude und des gesamten Midrasch, durch seine Ver־ *) Der Israelitische Volkslehrer von L. Stein, Jahrg. V, 1855, Seite 37. 2) Jeschurun von S. R. Hirsch, Jahrg. II u. III.

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