Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 48 (1904)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1904)
- Article
- Heinrich Graetz
- Date
- 1904-05-01
- Page
- Seite 303 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Heinrich Graetz. Ein Lebensbild. 303 fühlbar machen. Darum kümmert es ihn wenig, ob Styl und Ausdruck immer schulgerecht bleiben, er schaut in seinen Worten nicht den schroffen Ton und in seinen Bildern nicht die satte, starke Farbe. Ohne Rücksicht auf irgend welche Empfindlichkeit wählt er die deutlichste, schlagendste Bezeichnung, um gemeinverständlich zu sein, um über seine Ansicht keinen Zweifel aufkommen zu lassen, um die Gestalten und Begebenheiten, wie sie in seinem Kopfe sich malen, in klarem Umriss und am richtigen Platz auf der Bildfläche hervortreten zu lassen. Es war begreiflich, dass das Buch bei seinem Erscheinen grosses Aufsehen machte und sich sofort sein Publikum eroberte, bei dem es Gunst und Beifall in reichem Masse fand. Dagegen verhielten sich die gelehrten Fachgenossen zum grössten Teil anfangs zurückhaltend. Sie stutzten über die neuen Momente, die, wie z. B. die christlichen Sektenbildungen, zur Vervollständigung des Gesamtbildes ungescheut herangezogen wurden, und konnten sich nicht hineinfinden, dass moderne Schlagworte und feuilletonistisehe Wendungen auf jene alten Verhältnisse übertragen wurden. Wenn der Verfasser beispielsweise Nachum aus Gimso, dem die vielen Widerwärtigkeiten seines Lebens immer zum Guten ausgeschlagen seien, als den »Candide«1) der tannaitischen Sagenwelt bezeichnet, wenn er die Details des Bar־Kochba?schen Aufstandes, dessen Kapitel zu den schönsten und ergreifendsten Partien seines Geschichtswerks gehören, aus einzelnen Namen und versprengten Trümmerstücken zu rekonstruieren sucht und sogar von zwei Verteidigungslinien, der Esdrelon-Linie und der Tur- Malka-Linie spricht2), wenn er dem gefeierten R. Jehudah ha-Nassi :»reizbare Empfindlichkeit« zuschreibt3), wenn er, 1J Geschichte der Juden, B. IV. (1. Auflage), S. 22. 2) Geschichte der Juden, B. IV. (1. Auflage), S. 169. 3) Ebenda S. 236.