Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 48 (1904)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1904)
- Article
- Heinrich Graetz
- Date
- 1904-05-01
- Page
- Seite 302 (sequence 3)
- Language
- German
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302 Heinrich Oraetz. Ein Lebensbild. jüdischen Wissenschaft, seine bedeutsame Wirksamkeit eröffnet hatte. Wie es dort die Zeitgenossen enthusiasmirt haben soll, dass der von Kindheit auf ihnen vertraute, als unentbehrlicher Berater und Gefährte hochgehaltene Inter״ pret für Bibel und Talmud aus dem verschwimmenden Nimbus eines überirdischen Glorienscheines heraus in die menschliche Wirklichkeit hinübertrat, so hat es eine ähnlieh elektrisirende Wirkung geübt, als die nebelhalft dunkle Zeitepoche, in der die Grundbücher des nachbiblischen Judentums, Mischnah und Talmud, entstanden sind, mit einemmal unter helle Beleuchtung gestellt ward und die rabbinischen Urheber dieser Werke, deren Namen und Sinnsprüche allen geläufig waren, leibhaftig vorgeführt wurden. Diese Männer, welche man bis dahin nur für verkörperte Lehrsätze anzusehen gewohnt war, von denen man nicht viel weiter wusste, als dass sie sagten, fragten und zuweilen auch klagten, welche man sich wie eine Art polnischer Wanderrabbis oder Kabbalisten vorzustellen allenfalls geneigt war, — sie tauchen unter der Feder unseres Historikers aus dem wesenlosen Schein hervor; in ihren Adern pulsirt frisches Leben und heisses Blut, und deutlich heben sich die scharfgeschnittenen Physiognomien in ihrem geistigen Gegensatz, mit ihren charakteristischen Vorzügen und Schwächen von einander ab. In bunter Mannigfaltigkeit stehen sie vor uns da als echte Ritter vom Geist, antike Charaktere von glühendem Patriotismus, von unbeugsamer Willenskraft und unverwüstlicher Glaubenshoff־ nung. Ebenso lebhaft und anschaulich wird die geistige Atmo- Sphäre der Zeit nach ihren Stimmungen und Spannungen, Gährungen und Kämpfen geschildert, wie die Ideen, Parteiungen, Meinungen und Strebungen wirr und heftig durcheinander wogen und sieden, und wie daraus die treibenden Kräfte hervorgehen, welche durch das Spiel von Stoss und Gegenstoss den Ereignissen ihren geschichtlichen Verlauf bestimmen. Den Herzschlag der Zeit will Oraetz hörbar und