Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 48 (1904)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1904)
- Article
- Haeckels "Welträtsel" und die Religion
- Date
- 1904-05-01
- Page
- Seite 265 (sequence 9)
- Language
- German
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Haeckels Welträtsel und die Religion. 265 Pointe des Ganzen sind, und die mit einer rein theoretischen Betrachtungsweise gar nichts zu tun haben. Relativ am meisten Wahrheit enthält noch die Kritik des Christentums, wenn sie auch in ruhigerem und würdigerem Tone hätte gehalten sein müssen. Die Wissen- Schaftfeindlichkeit und Kulturgegnerschaft des Christentums ist hier rückhaltslos zugegeben. Um so mehr muss es befremden, dass die Bibel, die von beiden nichts weiss, so geringschätzig behandelt wird. Dass das sogenannte Alte Testament mit seiner Weltfreudigkeit unserem modernen Empfinden so nahe steht, viel näher als das asketische Christentum, dessen Weltverachtung er so leidenschaftlich bekämpft, sieht H. nicht. Oberhaupt kommt die jüdische Religion bei ihm schlecht weg. Dass das Gebot der Nächstenliebe nicht erst im Evangelium, sondern bereits im 3. Buch Mosis Cap. 19, Vers 18 mit klaren Worten ausgesprochen ist, wissen auch Theologieprofessoren nicht immer. Daraus will ich ihm demnach keinen besonderen Vorwurf machen. Von der Unrichtigkeit der Behauptung aber, dass die Lehre von der Vorsehung zuerst vom Christentum aufgestellt worden ist, hätte ihn ein flüchtiges Durchblättern der Bibel überzeugen können. Das Stärkste jedoch ist die Behauptung, dass dem Islam der Vorzug gebührt, auch im Laufe der geschichtlichen Entwickelung und der unvermeidlichen Abartung den Charakter des Monotheismus viel reiner bewahrt zu haben als die mosaische und christliche Religion (S. 115). Dass die Trinitätslehre des Christentums den Monotheismus getrübt hat, ist nicht zu bestreiten. Dass aber die jüdische Religion im Laufe ihrer geschichtlichen Entwickelung ihre ursprüngliche Reinheit verloren hätte, hat weder vor noch nach Haeckel jemand zu behaupten gewagt. Und wie wird diese wichtige Behauptung bewiesen? »Das zeigt sich auch heute noch äusserlich in den Gebetsformen und Predigtweisen ihres Kultus, wie in der Architektur und Ausschmückung ihrer