Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 48 (1904)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1904)
- Article
- Haeckels "Welträtsel" und die Religion
- Date
- 1904-05-01
- Page
- Seite 264 (sequence 8)
- Language
- German
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264 Haeckels Welträisel und die Religion. ung einzufügen. Daher der Spott über die Mythologieen der Bibel. Dass die soeben entwickelte Ansicht völlig verkehrt ist, wird, seit Schleiermacher den Gefühlscharakter aller Religion nachgewiesen hat, von der modernen Religions- Philosophie allgemein zugegeben. Die Religion hat gar nicht die Aufgabe, einzelne Tatsachen oder eine Gruppe von Erscheinungen zu erklären,— das ist Sache der Wissenschaft — sondern sie hat das G ef ü h 1 s v e rh ä 11 n is d e s M ens ch e n zur Welt zu bestimmen; sie stellt Werte auf, die dem Uni versum einen Sinn und dem Menschenleben einen Inhalt geben. Freilich ist das nur unter Zugrundlegung eines theoretischen Weltbildes möglich. Aber diese theoretischen Lehren einer Religion bilden nicht den Kern. Sie können von anderen ersetzt werden, ohne dass das Wesentlicheder Religion dadurch alteriertzu werden braucht. Hätte Haeckel sich diesen Tatbestand klar gemacht, dann würde er nicht in so verächtlichem Tone von der Bibel reden. Denn ihre religiösen Lehren, auf die es doch vor allem ankommt, haben heute dieselbe Geltung, die sie zur Zeit ihrer Entstehung gehabt haben. Die Verkennung des Wesens der Religion ist die eine Ursache dafür, dass Haeckel den geschichtlichen Religionen nicht gerecht wird. Die a n d e r e ist die Verwechslung von Glaube und Kirche. Der Zorn über die katholische Kirche, die ihren wissenschaftfeindlichen Standpunkt durch den Hinweis begründet, dass die Lehren der Wissen- Schaft den Lehren der Bibel widersprechen, hat sein Urteil über die letztere bestimmt. Er hätte sich aber die Frage vorlegen müssen, ob es beispielsweise dem Verfasser des I. Kapitels der Genesis wirklich hauptsächlich darauf ankommt, eine wissenschaftliche kosmogonische Theorie aufzustellen, oder ob nicht der Accent auf den Worten liegt: und Gott sah alles, was er geschaffen hatte und siehe, es war sehr gut, Worte, die offenbar die