Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 48 (1904)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1904)
- Article
- Haeckels "Welträtsel" und die Religion
- Date
- 1904-05-01
- Page
- Seite 263 (sequence 7)
- Language
- German
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Haeckels Welträtsel und die Religion. 263 Basis findet. Sie schweben frei in der Luft. Hätte er den Versuch gemacht, sie aus dem Grundprinzip seiner Philosophie abzuleiten, so hätte er freilich zu der Erkenntnis gelangen müssen, dass das ohne radicale Umbildung desselben nicht möglich ist. Die kraftbegabte Materie, die sich nach ewigen mechanischen Gesetzen bewegt, hat mit Güte oder Schönheit gar nichts zu tun. Sie kann hochstens zufällig auch einmal schön sein. Aber eine notwendige Verbindung zwischen ihnen ist nicht vorhanden, und das ist gerade das Wesentliche. Der religiöse Mensch ist der Ueberzeugung, dass Sittlichkeit oder Schönheit nicht durch eine zufällige Gruppierung von Elementen entstanden sind, ebenso gut wieder aufhören können, sondern, dass sie Sinn und Zweck des Ganzen sind, also mit ihren Wurzeln bis zum Urgrund aller Dinge hinabreichen. Für die wissenschaftliche Erkenntnis der Welt ist mit einer solchen Deutung nichts gewonnen. Erkennen heisst auf Ursachen zurückführen. Aber keine Wissenschaft, die ihre Grenzen nicht überschreitet, wird uns das Recht bestreiten zu glauben, dass in der Welt Werte realisiert werden sollen. Dass Haeckel das tut, beweist seinen unkritischen Dogmatismus, der eine Folge der Unzulänglichkeit seiner philosophischen Kenntnisse ist. Die »Welträtsel« vertreten heute noch den erkenntnistheoretischen Standpunkt Lockes, als ob inzwisehen nicht eine ganze Reihe anderer das Erkenntnisproblem tiefer und gründlicher behandelt hätten. Was ist nun das Wesen und die Aufgabe der Religion? Auf diese Frage giebt Haeckel, wenn auch mit anderen Worten, die Antwort: die Religion ist der vorwissenschaftliche Versuch einer Welterklärung, dessen wir jetzt, da wir es in der Wissenschaft durch Auf- Stellung des Substanzgesetzes und der Entwickelungslehre so herrlich weit gebracht haben, nicht mehr bedürfen. Höchstens die Morallehren haben für un£ noch einen Wert. Sie haben wir unserer wissenschaftlichen, monistischen Weltanschau-