Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 48 (1904)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1904)
- Article
- Haeckels "Welträtsel" und die Religion
- Date
- 1904-05-01
- Page
- Seite 262 (sequence 6)
- Language
- German
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262 Haeckels Welträtsel und die Religion. für eine Religion erfüllt, noch ist, bei der kühlen, naturwissenschaftlichen Grundstimmung seiner Lehre, eine psychologische Erklärung dafür vorhanden, dass er seinen Monismus einen Pantheismus nennt. Die einzig mit dem Attribut der Kraft ausgestattete Materie, die nach dem blinden Gesetz der Causalität wirkt, kann für einen Menschen, dem das Wahre, Gute und Schöne die höchsten Werte sind, und das sind sie für Haeckel (S. 135 ff.), unmöglich zur Gottheit werden. Wenn in einer Anmerkung die Forderung gestellt wird, dass in einer modernen Kirche an Stelle des Hochaltars die Urania treten soll, die an den Bewegungen der Weltkörper die Allmacht des Substanzgesetzes darlegt, so ist damit nur eine richtige Consequenz aus den Prämissen gezogen. Zugleich aber wird an diesem Beispiel klar, dass vom Standpunkte Haeckels aus eine religiöse Weltanschauung nicht zu gewinnen ist; ausserdem freilich, dass er für das Wesen der Religion nicht das geringste Verständnis hat. Mit demselben Rechte könnte er nämlich für eine mathematische Formel religiöse Vereh rung verlangen. Jede Religion giebt eine teleologische Deutung der Welt. Dass die »Welträtsel« jede Zweckerklärung ablehnen und trotzdem eine Religion für möglich halten, beweist von neuem, dass ihrem Verfasser die religionsphilosophisehen Grundbegriffe fremd sind. Übrigens sind Mechanismus und Teleologie durchaus nicht so unversöhnliche Gegensätze, wie Haeckel zumeinen scheint (S. 104). Das wird schon durch das Beispiel Leibnizens oder Lotzes bewiesen, die eine Verbindung beider versucht haben. Auf keinen Fall aber kann man irgend ein teleologisches System mit dem Worte Dualismus abtun (S. 104). Fichtes oder Hegels Philosophie ist monistisch und teleologisch zugleich. Die Bestreitung von Zwecken irgend welcher Art in der Welt ist dann schuld daran, dass Haeckel für die Ideale des Wahren, Guten und Schönen, die er aufstellt, keine