Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 48 (1904)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1904)
- Article
- Haeckels "Welträtsel" und die Religion
- Date
- 1904-05-01
- Page
- Seite 260 (sequence 4)
- Language
- German
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260 Haeckels Welträtsel und die Religion. anderen Stelle (S. 102) ist zunächst die fundamentale Tatsache erwiesen, dass jede Naturkraft mittelbar oder unmittelbar in jede andere umgewandelt werden kann«. Das ist nicht richtig. Das erwähnte Gesetz stellt vielmehr nur fest, dass bei der Umwandlung einer Kraft in eine andere die Kraftsumme dieselbe bleibt. Die Umwandlung selbst und auch die Möglichkeit einer solchen bleibt völlig unerklärt. Nach diesen kurzen Bemerkungen, die den Wert der allgemeinphilosophischen Partieen der »Welträtsel« andeuten sollen, wende ich mich zu ihren Ausführungen über Religion überhaupt und über die geschichtlichen Religionen. Sobald Haeckel auf diesen Gegenstand zu sprechen kommt, wird er heftig, und die leidenschaftliche Erregung, in die er dann gerät, trägt nicht gerade dazu bei, den Wahrheitsgehalt seiner Ausführungen zu erhöhen. Solange es sich nicht um eine bestimmte Religion, sondern um Religion im allgemeinen handelt, ist zwar von einer Abneigung nichts zu merken. Es ist im Gegenteil das Bestreben vorhanden, zwischen Glauben und Wissen eine Vermittlung herzustellen (S. 133 ff.). Aber bei dieser positiven Leistung, bei dem Versuch an Stelle des Alten ein Neues zu setzen, zeigt sich leider ein bedenklicher Mangel an philosophischer Schulung und an Verständnis für Wesen und Aufgabe der Religion. Haeckel hat die spinozistische Gleichung »Deus sive natura« nicht ganz verstanden. Er sieht in dieser Formel nur die Negation des Theismus. Darum wird für ihn jeder,, der die Existenz eines ausserweltlichen Gottes leugnet, zum Pantheisten, ohne Rücksicht darauf, ob das Weltbild, das er entwirft, eine religiöse Färbung hat oder nicht. »Es giebt keinen Gott und keine Götter«, sagt er falls man unter diesem Begriff persönliche, ausserhalb der Natur stehende Wesen versteht. Diese gottlose Weltanschauung fällt im Wesent-