Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 48 (1904)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1904)
- Article
- Haeckels "Welträtsel" und die Religion
- Date
- 1904-05-01
- Page
- Seite 258 (sequence 2)
- Language
- German
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258 Haeckels Weltiätsel und die Religion. anderen aufgetaucht, und haben die Zahl der Probleme vermehrt; und dass in unserer Zeit, um ein Beispiel herauszugreifen, das Moralproblem in der Formulierung, die Nietzsche ihm gegeben hat, zu den bisherigen hinzugekommen ist, bedeutet ihren Fortschritt der Vergangenheit gegenüber. So wird Haeckels Behauptung von der Geschichte widerlegt. Das hebt aber ihre beruhigende Wirkung für den Laien nicht auf, dem sogleich im ersten Kapitel die Versicherung gegeben wird, dass er sich nur mit einer einzigen Frage zu beschäftigen haben werde. Macht man mit der Zurückführung aller Einzelprobleme auf ein Grundproblem Ernst, so sind Gewaltsamkeiten nicht zu vermeiden. Es überrascht uns daher nicht mehr, wenn wir der Behauptung begegnen, dass die Lebensvorgänge nichts weiter als chemische Prozesse seien, dass das Den־■ ken eine Funktion des Gehirns sei. Jede andere Auffassung des Seelenlebens, auch der von namhaften Psychologen vertretene Standpunkt des psycho-physischen Parallelismus, wird mit dem Wort Dualismus abgefertigt, obwohl seine Anhänger auf Spinoza zurückgehen, auf den Haeckel sich so gern, wenn auch mit Unrecht, für seinen materiaiistischen Monismus, beruft Hier verrät sich eine gewisse Unklarheit der philosophischen Begriffe und Unkenntnis der Philosophiegeschichte, die übrigens auch in zahlreichen anderen Fällen zu beobachten ist. So z. B. wenn Descartes die ultraidealistische Ansicht beigelegt wird, dass »ausser der eigenen Psyche nichts weiter existiert« (S. 92), oder wenn Kants Lehre von der empirischen Realität und transscendentalen Idealität von Raum und Zeit beigepflichtet wird, nichtsdestoweniger aber die Behauptung auftritt: »Ebenso gut, wie ich die Realität von Raum und Zeit bezweifle, kann ich auch diejenige meines eigenen Bewusstseins leugnen« (S. 99). Kant selbst soll nur »die subjective Seite des Problems gestreift, daneben aber die objective als gleichberechtigt anerkannt haben« (das.) »Die